aus: Holz•Ein•Fall

Ich arbeitete zu dieser Zeit an einem heptatonalen System für einen dreiteiligen Quartett-Zyklus auf Sonette von Michelangelo, Shakespeare und Platen, an meinem Triptycho Quartetti settembri. Es war als mein Lebens-werk neben der Kammeroper Phaidros gedacht. Die Zahl stand darin im Mittelpunkt meiner Konzeption, die Zahl Sieben, die Drei, die Siebenundzwanzig: drei zur dritten Potenz, die heilige Vierzehn mit der krisenbezeichnenden Dreizehn. Die fünf Vokale und die beiden Umlaute œ und ü bildeten darin die sieben Tonhœhen, aus dem Unterbauch über Nabel und Brust bis in den Kopf aufsteigend u-o-a-e-œ-ü-i. Nicht die drei Sing-stimmen Mezzo, Tenor, Bariton, sondern zweite Violine und Bratsche des Streichquartetts wurden daraus gespeist. Die Konsonanten in Entsprechung des hebræischen Alphabets und deren kabbalistischer Ausdeutung stehen darin für das Chthonische und sind daher in ihrer Übertragung dem Cello anvertraut worden. Die hundertvierundfünfzig mœglichen Silben des Sonetts begrenzen die Taktzahl. Bei Michelangelo und Platen nehmen die beiden Quartette und Terzette bereits die Besetzung vorweg, bei Shakespeare fokussierte ich die Klimax auf das Coupet, also auf den dreizehnten und vierzehnten Vers. Die hundertvierundfünfzig mœglichen Silben, die im Engli-schen durch die große Menge an stumpf endenden Wœrtern nie genützt werden, spiegeln sich dafür in den insgesamt hundertvierundfünfzig, zweiundzwanzigmal sieben, Shakespeare-Sonnets wider. Die Auswahl traf ich rein zæhltechnisch, indem ich das vierzehnte, achtundzwanzigste und siebenundfünfzigste Sonett usw. heranzog, entsprechend dem Phænomen, daß jede durch Sie-ben geteilte Zahl früher oder spæter zwangslæufig diese Dezimalen in regelmæßiger Abfolge beinhaltet. Wæhrend die Drei und die Sechs als Divisoren aller natürlichen Zahlen immer unendliche Dreier- oder Sechser-Dezimale aufweisen, teilt die Sieben als einzige verbleibende Zahl sæmtliche anderen Zahlen immer mit Siebener-Vielfachen in den hinteren Dezimalen und zwar immer in der Folge: vierzehn, achtundzwanzig und, abweichend um eins erhœht, siebenundfünfzig, sofern sie natürlich nicht selbst bereits Siebener-Vielfache sind.

1:7 = 0,14285714285714285714285714285714

2:7 = 0,285714285714285714285714285714

3:7 = 0,4285714285714285714285714285714

4:7 = 0,57142857142857142857142857142857

5:7 = 0,7142857142857142857142857142857 …

9:7 = 1,285714285714285714285714285714

13:7 = 1,857142857142857142857142857142857

98562246,25486:7 = 14080320,89355142857142857142857142857

Mein Triptycho Quartetti settembri ist leider ein Torso geblieben und begleitet mich nun bereits seit dreieinhalb Jahrzehnten durch mein Tantalos-Leben. Mein heptatonales System harrt noch der vollstændigen Erfüllung. Vor allem Haydn stand natürlich im Zentrum unserer Gespræche, weniger Mozart, wenn uns Mozart interessierte, dann am ehesten in seinen Haydn-Quartetten, am meisten aber im Hoffmeister-Quartett. Bei Beethoven schieden sich unsere Geister, denn nur wenig, trotz aller Ver- und Bewunderung, war mir jemals von ihm nahegegangen, mir wurde das Teutonisch-Dialektische, vor allem seiner mittleren Periode, bald zuwider, und das, was mich in der Jugend am meisten erschüttert hatte, wurde mir in der Folge mehr und mehr suspekt, ja stieß mich schließlich fast vollkommen ab bis zum kœrperlichen Widerwillen. Obwohl Thomas, in Übereinstimmung mit dem Großvater, immer Beethoven zu den ganz Großen gezæhlt hat, als Prototypen der alten Meister sah, war freilich auch bei ihm diese Diskrepanz genæhrt und verstærkt worden, ohne die sonst auch seine altmeisterliche Karikatur nicht zu verstehen wære: eine komische Hilflosigkeit hœren wir fortwæhrend, wenn wir Beethoven hœren, das Grollende, das Titanenhafte, den Marschmusikstumpfsinn selbst in seiner Kammermusik, so Reger, schreibt Thomas.

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SELBSTGEKOCHTES UND HAUSGEMACHTES gab es bei Thomas in Obernathal nie, es sei denn, daß er sich bisweilen ein Beefsteak tartare mit gehackten Zwiebeln, Essiggurkerln, Kapern, Senf, Eidotter, Petersilie, scharfen Paprika, Salz und Pfeffer selbst zubereitete, ansonsten ging er eigentlich immer auswærts essen, in den Siebzigern oft zu den Hennetmairs, wie ich erst jetzt erfahren habe, sonst aber in die Landgasthæuser der Umgebung, zu Gesswagner in Ottnang, zum Asamer in Ohlsdorf, zur Stelzenwirtin in Wolfsegg, in Wien auch in Kaffeehæuser, besonders gern ins Bræunerhof auf eine Gulyassuppe, zum Brandl in Gmunden, zum Schachinger in Reindlmühl, zum Pühret in Traunkirchen Fischessen, ins Altmünsterer Alpenhotel. Die Traunviertler, die bodenstændige Küche des Salzkammerguts war ihm die liebste, viel Schweinernes, oft Rindfleisch, nicht selten deftig, nie italienisch oder gar asiatisch, vegetarische Küche war ihm so fremd wie Bruscon, dem Theatermacher. Die vielgerühmte œsterreichische Küche ist nichts anderes als eine Zumutung, sagt Murau, der, wie Maria und deren reales Vorbild, nach Rom ausgewanderte Wolfsegger, eine Vergewaltigung des Magens wie des Kœrpers. Thomas aß letztlich so gerne die œsterreichische Küche, wie er die deutschsprachige und besonders die œsterreichische Kultur mit Heißhunger verschlungen und verdaut hatte, und wenn er sie auch angeblich noch so abgeschmackt, unappetitlich oder ausgekocht und nicht selten als vœllig geschmacklos empfunden hatte.

Eine Vergewaltigung der Seele und des Geistes sei auch der für den deutschen Philosophieappetit besonders gut geeignete Mittagstischphilosoph direkt aus der Gelehrtenpfanne, der aber für den geistig Ausgehungerten dennoch die kœstlichste und ergiebigste geistige Nahrung gewesen ist, für den wahren Feinschmecker des Geistes. Die Œsterreicher, die in ihrer geistigen Unterdrückung in die scheinbar ungefæhrlichste aller Künste, næmlich in die Musik, geflüchtet seien, und zwar über Jahrhunderte, und sich dem bloßen Phæakentum hingegeben hætten, wie Friedrich Nicolai, Schiller und zuletzt noch Weinheber es beredt zum Ausdruck gebracht haben, hætten sich letztlich der bloßen After-Kultur des Wiederkæuens gewidmet, das wieder Aufgekochte, ohne Rücksicht auf den Geschmacksverlust Aufgewærmte sei ihre Spezialitæt, das Kultureinerlei einer zuendegegangenen europæischen Bedeutung: geradeso wie der Schwarzwaldphilosoph, die Philsophiekuh, reine Philosophiewiederkæuer, die dem Kultur- und Philosophieeintopf die ewige Wiederkunft des Gleichen bescheren – geschmacklosen, aber ohne Schwierigkeiten verdaulichen Lesepudding für die Durchschnittsseele.

Das Aufgewærmte und wieder Aufgebæhte stehe seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten auf dem Programm und habe bloß unbedeutende, salzlose oder auch versalzene Varianten hervorgebracht, die nicht selten einen bittersüßen oder geradezu fauligen Nachgeschmack zurückließen. –– Naturgemæß wird aber gerade so mancher Eintopf und jedes Gulyas, erst recht das herzhafteste Sauerkraut gerade durch das Aufwærmen vollendet ... Selbstgekochtes und Hausgemachtes zwar nie, dafür aber Hausgebrautes wie seinen Most, dachte ich jetzt ein wenig sentimental, da ich gerade den weniger gelungenen meiner Traunkirchner Wirtin trank. Und immer wieder Bodenstændiges: Rahmsuppe mit gebackenen Weißbrotschnitten, Fritattensuppe wie im Theatermacher, Tafelspitz mit gerœsteten Erdæpfeln, Semmel- oder Apfelkren und Schnittlauchsauce, Schweinsniere, Kut-teln, Fleisch- und Grammelknœdeln, Blunzn mit Sauerkraut wie in Auslœschung, gut abgelegenen Alt-Wiener-Lungenbraten wie in Heldenplatz, Rostbraten, schließlich Mohr im Hemd wie in Holzfællen, die berüchtigten Brandteigkrapfen, Rahm- oder den altbewæhrten Apfelstrudel, danach stand Thomas immer der Sinn. In allen Theaterstücken immer wieder Speisen und Getrænke, nicht selten eine Tafel als Hœhepunkt oder als letztes Bild für die Engführung hin zur mehr oder weniger læcherlichen Katastrophe. Wie ein Henkersmahl: oft genug in seiner Quasi-Heimatstadt Salzburg am Domplatz als Spiel vom Sterben des reichen Mannes gesehen oder auch nur daran erinnert, wie mir jetzt klar wurde. Die vielgerühmte œsterreichische Küche ist nichts anderes als eine Zumutung, und doch schmeckte Thomas nichts besser, eine Vergewaltigung des Magens wie des Kœrpers, und dennoch war sie ihm die Oase in geistig ausgedœrrter und ausgehungerter Geisteslandschaft. Ebenso ging es ihm mit der mißbrauchten Kunst, mit der ausgequetschten und zu Tode gekochten, oft geradezu angebrannten Musik sowie mit der verdrückten, hinuntergeschluckten und geistlos verschlungenen Literatur.

Und dann nicht nur Literatur-, sondern auch Schriftstellerverschlinger, die Schlimmes ausgefressen, Verheerendes angerichtet, das Leben und zuweilen selbst den Erfolg durch ihre Gefræßigkeit ungenießbar gemacht, wie die Borkenkæfer und Holzwürmer bereits im Jungholz alles abgenagt und zerfressen, den Lærchenwald fast gænzlich gelichtet und dadurch den Jægern das Spiel und zuletzt den Magen verdorben haben. Schlecht gekaut und kaum verdaut seien die von den Viel-zu-Vielen mißbrauchten Geister, besser auszuspucken als hinunterzuschlucken sei das von der Masse Wiedergekaute, das das wirklich Widerwærtige und Ekelerregende sei. Stifter, der Kitschmeister, mit dessen Augen Thomas aber Obernathal ausgesucht hat, Nachsom-mer und Witiko in der bescheidenen Bibliothek, Bruckner, der Musikverwischer und der Erzeuger von stupidem, monumentalem orchestralem Ohrenschmalz, dessen Portræt Thomas wie ein Heiligenbild gemeinsam mit Andenken an den Großvater in der Glasvitrine bewahrte, dessen Ave Maria für ihn das Hœchste war, bei dem ihm, wenn er es sang, die Trænen hinunterliefen, und Heidegger, der FRAUENPHILOSOPH, der mit widerwærtigen und stupiden Doktorarbeiten überhæuft wird und der doch Thomas’ Kunstbegriff wie kaum ein anderer geprægt hat: diese Vielgerühmten mußte er viel be-schimpfen, damit sie für ihn ertræglich wurden, so hoffte Thomas sie der Masse oder zumindest den Pseudo-Intellektuellen wieder abspenstig zu machen. Eine Ver-gewaltigung des Magens wie des Kœrpers sei also die œsterreichische Küche, wie Bruckner, Stifter und Heidegger, mit denen Reger, der vermeintliche Verunglimpfer der alten Meister und großen Geister, ja verwandt ist, eine Vergewaltigung des Geistes und des guten Geschmackes für eine ohnedies længst zahnlose Gesellschaft seien. Die vielgerühmte œsterreichische Küche ist nichts anderes als eine Zumutung, sagt Murau und freut sich auf die lange in Rom vermißte Blunzn.

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Nachdem ich neunzehnsiebenundsechzig anlæßlich der Staatspreisverleihung Thomas aufgesucht hatte, somit ebenfalls in der Akademie der Wissenschaften war, in der alten Universitæt also, wo auch im Trakt gegenüber das Stadtkonvikt war, in dem einige Schubertianer, vor allem natürlich Schubert selbst, untergebracht waren, und ich in der Folge von Thomas nach Obernathal eingeladen worden war, was zugleich der Beginn einer intensiveren Begegnung mit ihm werden sollte, fiel mir zuallererst die auffællige Næhe zum »Tonhof«, ja die geradezu frappante Æhnlichkeit mit dem »Tonhof« auf. Tho¬mas, der Nachahmungstæter, dachte ich damals, und konnte nicht umhin an die Lampersberg-Lederhose zu denken, die Thomas, ohne zu fragen, angezogen hatte. Hatte er sich bis dahin nur die gleichen Trachtenanzüge, Krawatten und Hemden, wie Lampersberg sie bereits besaß oder sich gerade erworben hatte, besorgt, so war er nun in Lampersbergs Lederhose geschlüpft und in diesem Aufzug ohne Hemmung vor Maja und Gerhard im Wohnzimmer erschienen, wie Maja mir damals mit Empœrung, spæter aber immer wieder einmal als witzige Anekdote erzæhlt hatte. Zwanzig Jahre spæter begegnete mir im Burgtheater diese Szene wie ein nur leicht variiertes Déjà-vu wieder, denn ausgerechnet der General in der Jagdgesellschaft soll die Unterhosen der Holzknechte angezogen haben, wie der Schriftsteller in dem Stück sagt:

er zieht plœtzlich
die Unterhosen an
die von den Holzknechten getragen werden

Hætte Thomas nicht immer diesen seltsamen Hang zu Holzfællern, Lærchen und Hochwald gehabt, wære mir das Tragen von Lampersbergs Lederhose in der Verbindung mit dem Tragen der Unterhosen der Holzknechte in der Jagdgesellschaft vielleicht gar nicht besonders aufgefallen, dachte ich jetzt im nachhinein, nachdem ich neunzehnzweiundsiebzig im Burgtheater gesessen und von Bißmeier, leider nicht von Ganz, jenen Satz gesprochen gehœrt hatte. Er zieht plœtzlich die Unterhosen an, die von den Holzknechten getragen werden, sagte der Schriftsteller, also Bißmeier, damals. Immer wieder hœrte ich in meinem inneren Ohr diesen Satz sprechen mit Bißmeiers Stimme und nun wieder in Traunkirchen, aber jetzt mit der Erkenntnis, die ich erst in den letzten Tagen endgültig gewonnen habe und die diesem Satz auf einmal ein ganz anderes Gewicht verleiht. Da ich mir jetzt, in eben diesem vollen Bewußtsein, diesen Satz Er zieht plœtzlich die Unterhosen an, die von den Holzknechten getragen werden immer wieder vorsagte, ja laut vorsagte, ohne den Klang von Bißmeiers Stimme dabei vœllig vergessen zu kœnnen, mußte ich natürlich unwillkürlich an Lampersbergs Lederhose denken, die Thomas am »Tonhof«, ohne zu fragen, aus dem Kasten genommen und angezogen hatte. Er war mir nun nicht mehr so rætselhaft. Dieser Satz Er zieht plœtzlich die Unterhosen an, die von den Holzknechten getragen werden hatte seine Wirkung auf mich allerdings noch nicht eingebüßt, ja klang noch immer wie eine perseverierende Melodie in meinem Ohr. Ich versuchte ihn zu verdrængen, rief Schubert-Lieder und Haydn-Streichquartett-Incipits in mir ab, die in der Regel immer penetrante Satz- und Melodie-Repetitionen, wenn schon nicht zum Versiegen bringen, so doch für einige Zeit verdrængen, aber ich konnte ihn nicht abwürgen, konnte ihn beim besten Willen nicht loswerden. Ich versuchte ihn daher belanglos vor mir herzusagen, um ihm die Læcherlichkeit zu verleihen, die ihm gebührt, aber er wurde wæhrend dieser Versuche, ihn abzuwürgen und auszulœschen, nur noch penetranter und lauter in mir. So einfach dieser Satz auch sein mag, er wurde in mir intensiver als jeder Satz aus Dichtung und Philosophie, der mir jemals untergekommen war. Du wirst diesen Satz nicht loswerden, sagte ich mir, du wirst seine Penetranz ertragen müssen. Und auf einmal konnte ich durch diese letztliche Resignation meine gewœhnliche Gelassenheit wieder zurückgewinnen. Ich sprach den Satz Er zieht plœtzlich die Unterhosen an, die von den Holzknechten getragen werden noch ein letztes Mal und jetzt so belanglos aus, wie Bißmeier als Schriftsteller ihn in der Jagdgesellschaft gesprochen hatte. Jetzt war er wieder ein Satz wie jeder andere auch, nur daß er mir dazu verholfen hatte, meine Erkenntnis nicht unwesentlich zu erweitern.
Ja, so reden wir ununterbrochen, das ist überhaupt nichts Neues, sagte Lampersberg, nachdem er Die Jagdgesellschaft gesehen hatte, und meinte wohl nicht zuletzt die musikalische Verarbeitung von gesprochenen Sætzen, Scherzo- und Sonatenhauptsatzformen im Dialog als Denkexerzitien sozusagen.

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EINE BESONDERE RASSE stellen die Bernhardiner dar mit ihren behæbigen Tatzen, ihren blutunterlaufenen treuherzigen Glupschaugen, die alles glauben, alles über sich ergehen lassen und den Geist lediglich in ihrem Holzfæßchen, und bloß für andere, am Hals tragen. Sie nehmen die Befehle oberflæchlich entgegen, sind in Freud und Leid dem Herrn verbunden, laufen, wenn er es ihnen befiehlt, kommen pfotenhebend, legen die sab-bernden Lefzen auf den Schoß und sitzen brav, wenn es sein muß, stundenlang, und es entgeht ihnen nichts, wenn sie über die wahren Gefühle und Gedanken ihres Herrn nichts erfahren, wenn sie die über ihre Wahrnehmung und ihre Vernunft hinausgehende Chiffrensprache ihres Herrn nie verstehen. Freilich sind sie nützlich, denn sonst bliebe ihr Herr womœglich einst verschüttet in der Kælte liegen. Und wer grübe ihn dann aus, bevor er erstickte und für alle Zeiten, auch von etwaigen Eingeweihten, vergessen wære? Publikumsbeschimpfer und Medienbeherrscher, Theatermacher in jeder Hinsicht, tatsæchlich aber nicht nur Übertreibungskünstler, sondern auch ein Dichter, der Pingpong mit den Gefühlen seiner Leser gespielt und sein Publikum an der Nase herumgeführt hat. Die Oberflæche vieler seiner Texte verschweigt næmlich das Ei-gentliche, davon bin ich længst überzeugt. Er war der große Schwindler und Tæuscher, heimeliger Verheimlicher, der durch seine scheinbare Offenheit den Verdacht, daß Verborgeneres und Tieferes noch nicht direkt und geradeaus gesagt worden sein kœnnte, kaum aufkommen ließ. Seine Sprache wirkt so klar, seine Inhalte so eindeutig, er scheint in seinem Erzæhlwerk und den Theaterstücken durch seine sich offen und offenherzig gebende Art bereits alles gesagt zu haben. Er nahm sich kein Blatt vor den Mund, den Œsterreicher, die Œsterreicherin in ihrer regressiv-wiederkæuenden Haltung zu Moral, Kunst und Kultur aufzudecken und læcherlich zu machen. Dadurch gewann er seine Anhænger und seine Gegner – auch in politischen Lagern und natürlich in den Medien. Da er aber nun scheinbar bereits alles in seinen virtuosen Tiraden zum Besten gegeben hat, hat man bei ihm weniger als bei anderen namhaften und viel gelesenen Dichtern und Schriftstellern tief genug unter die, gewissermaßen bloß melodische, Schicht der durchaus anspruchsvoll gesetzten »Sprach-Partituren« geschaut. Wagt man aller-dings – mit einigen Kunsttricks – dort hineinzublicken, erkennt man mitunter erst die eigentliche Botschaft, die dem oberflæchlich, nur kulinarisch Liebenden und Has-senden vollstændig entgangen ist.

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»… Hast du nichts im Walde gehœrt?« – »Im Walde?« – Der Knabe warf einen raschen Blick auf des Fœrsters Gesicht. – »Eure Holzfæller, sonst nichts.« – »Meine Holzfæller!«

Droste-Hülshoff, Die Judenbuche

NICHT UNZUCHT TREIBEND, nur Unzucht schreibend, dachte ich nun, als ich mir alle diese Chiffren und somit die hœchst eigene, bis jetzt fast gænzlich verborgene poetische Welt Thomas’ vor dem inneren Auge Revue passieren ließ und das Gefühl hatte, alles überblickt, nichts übersehen zu haben, und dieser Illusion wollte ich mich in diesen wunderbaren Traunviertler Junitagen ganz hingeben. Ich hatte erstmals das Gefühl, in den innersten Denkbezirk Thomas’ eingedrungen zu sein, ihn besser erkannt zu haben als in den Jahren, da ich an seiner Seite selbst am Grasberg weilte, im Kobernaußer Wald umherschweifte und zu den Lærchenwældern ging. Das lag nun fast drei Jahrzehnte zurück, und erst jetzt fügte sich mir jeder Stein auf den anderen, erst jetzt verstand ich Anspielungen, die ich damals oft für bloße Schrulligkeiten gehalten hatte. Jetzt weiß ich, daß er mir den Schlüssel für seinen innersten Denkbezirk geben wollte, den er sonst niemandem, nicht einmal dem ihm jahrelang offensichtlich so nahestehenden Hennetmair anvertrauen wollte, gerade mir, der ich ja in Wirklichkeit, wie ich mir jetzt eingestehen mußte, mit ihm kaum mehr als zwei, drei Dutzend intensivere Gespræche geführt hatte, mit ihm viel weniger zusammengekommen bin als viele andere, die aber nicht oder nur sehr wenig verstanden zu haben scheinen, sein Werk doch letztlich nur sehr oberflæchlich durchforstet haben, nur die einfache und oft schadenfroh polarisierende, manchmal geradezu absichtlich irreführende narratio wahrgenommen haben, in den Wald gingen, wenn auch freilich nie in den Lærchenwald, und keine Pilze fanden und naturgemæß erst recht keine Goldrœhrlinge, weil sie zu sehr auf einfæltige Kritiker, selbsternannte Literaturpæpste und mitunter auch, und gar nicht so selten, unsensible Literaturwissenschafter, auf jeden Fall nicht auf die Handvoll tatsæchlich Eingeweihter vertraut haben.
Nicht Unzucht treibend, nur Unzucht oder auch nur über Unzucht schreibend, indem er sich seiner eigenen Neigungen nur zu sehr bewußt war, denn die Künstler, das sind die Sœhne und Tœchter der Widerwærtigkeit, der paradiesischen Schamlosigkeit, das sind die Erztœchter und die Erzsœhne der Unzucht, die Künstler, die Maler, die Schriftsteller, die Musiker, das sind die Onanierpflichtigen auf dem Erdball, sagt Strauch, schreibt Thomas in Frost, und ich vermag, aus eigener Erfahrung, nicht zu widersprechen. Der eine lebt es über-trieben aus, der andere kompensiert es sein Leben lang, sofern der erste dabei nicht reichlich Leibesfrüchte sæt, hinterlæßt der andere, der Geisteskinder zeugt und gebiert, der Nachwelt freilich mitunter ungleich mehr. Der eine unterdrückt, oder versteckt zumindest vor der Œffentlichkeit, seine Veranlagung, indem er, wenn er Glück hat, eine wunderbare verstændnisvolle Frau heiratet, die ihn nicht in seiner Lebenslüge noch zu hunderten und tausenden anderen Lügen nœtigt, vielleicht sogar Zwillinge zeugt und dennoch kein Kostveræchter wird, womœglich noch bis ins hohe Alter nicht, und gleichzeitig in Jugenderinnerungen schwelgt, etwa von den Stehplatzzeiten træumend, als man Werner Krauss am Bühnentürl auflauerte, aber der damals blutjunge Oskar Werner herauskam, und man am næchsten Tag in der Woh-nung eines Burg- und eines künftigen Filmstars aufwachte, der sogar noch zweimal mit erotisch abgedunkelter Stimme zuhause anrief …, der andere aber, indem er der verlorenen Pubertæt nachtrauert, dann der verlorenen Unschuld und der Unrealisierbarkeit einer Künstlerliebe … Sexualitæt war bei mir insofern sehr eingeschrænkt, weil in dem Moment, wo sich das gerührt hat, … da bin ich irgendwie sterbenskrank g’worden. … Was eigentlich schad’ ist, weil grad’ in der Zeit, in der die Sexualitæt wahrscheinlich den grœßten Reiz hat, næmlich wenn sie quasi erwacht und wenn das Schwanzerl sich rührt, … also da war ich dann im Spital, erzæhlte Thomas Krista Fleischmann. Aber, so zwischen zweiundzwanzig und dreißig, war das dann schon alles, glaub’ ich, ganz richtig und normal da, nicht. Lampers-berg-Auersberg(er) hatte seine Frau, die Purcell und aus dem Liederbuch der Anna Magdalena Bach sang, so auf dem Steinway (wie der bewunderte Glenn Gould) begleitet, daß ihm die Trænen gekommen sind, schreibt Thomas kurz davor in Holzfællen. Damals war ich zweiundzwanzig Jahre alt und in alles, das Maria Zaal und die Gentzgasse gewesen ist, verliebt und schrieb Gedichte. …
Der starke Ich-Bezug, der Nestbeschmutzer, dem das eigene Nest beschmutzt wurde, der Geheimchiffren benœtigende sækularisierte Heimatdichter, der seine Codes ausschließlich aus Bildern des lændlichen Bereichs entlehnte, der dem Holzfællen verfallene Heimatdichter, der das Erbe des Großvaters, indem er, gewissermaßen symbolisch, zeitlebens auf der vom Heimatdichter Freumbichler geerbten Schreibmaschine schrieb, in die zweite Hælfte des zwanzigsten Jahrhunderts transformier-te mit dem gleichzeitig penetranten Insistieren auf diesem anderen Thema über zwei Jahrzehnte – und vor al-lem das nur verhaltene Sprechen über dieses Unaus-sprechliche, all das deutet auf eine obsessive lebenslængliche Aufarbeitung des Maria Saaler »Tonhof«-Erlebnisses, eines Erlebnisses, das mir, als es mir wider-fuhr, überhaupt nicht geschadet hatte, obwohl mich der gute alte Lampersberg, der in den fünfziger Jahren ein fescher Mann war, zwanzig Jahre spæter nicht mehr erkannt, sich meiner, trotz eifrigen Nachhilfeversuchs, nicht einmal mehr erinnert hatte, was bei seinem Ver-schleiß freilich kein Wunder war. Vollkommen vergessen, unwiderruflich ausgelœscht zu sein, erschien mir damals – und erscheint mir heute noch – deutlich krænkender als Thomas’ Erlebnis. Und dennoch kann es sich dabei doch nicht um eine bloße psychische Hypochondrie handeln, die dreißig Jahre lang sein Treiben und Schreiben bestimmt hat. Dieses Thema kann ja keinesfalls nur als Nebenthema abgetan werden. Er verdankt dieser Obsession letztlich die Abkehr von dem im wahrsten Sinne des Wortes »Heimatdichterischen« seiner frühen Lyrik und die Erœffnung des ganz Eigenen, der Entwicklung seines besonderen Stils, der Œffnung allen, auch den peinlichsten, Themen gegenüber; nur dieses eine, dieses andere Thema, der Vorstoß in die entgegengesetzte Richtung konnte ausschließlich über diesen poetisierten, verdichteten Umweg, durch Ver- und Entbergung, Welt-Œffnung und Erd-Verschließung zugleich erfolgen. Daß aber nun die Transformation des Idyllen produzierenden Heimatdichters zum bedeutendsten zeitgenœssischen œsterreichischen, vielleicht sogar deutschsprachigen Dichter der letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts wesentlich durch den künstlerischen Einfluß des Mannes erfolgte, der ihn ausgerechnet von hinten ange-sprochen, in sein Bett gezogen hatte, das konnte er dem KOMPONISTEN IN DER WEBERN-NACHFOLGE nie verzeihen. Wir lieben sie so instændig, daß wir krank werden in dieser Liebe und sie stoßen uns ab, hassen unsere Liebe, dachte ich, schreibt Thomas in Holzfællen. Wir bekommen von ihnen alles und hassen sie dafür. Wir sind nichts und sie machen etwas aus uns und wir has-sen sie dafür. Wir kommen aus dem Nichts, wie gesagt wird, und sie machen aus uns unter Umstænden ein Genie und wir verzeihen ihnen nie, daß sie aus uns ein Genie gemacht haben, wie wenn sie einen Schwerverbrecher aus uns gemacht hætten. Dreißig Jahre brauchte Thomas, um erst Mitte der achtziger Jahre, als man aus einem traurigen Grund heraus erstmals œffentlich über dieses andere Thema zu sprechen begann, seine eigene Krux œffentlich zu machen, aus allen Camouflage-Spielen herauszutreten und das Lebenswerk damit letztlich zu vollenden, denn schon neunzehnvierundachtzig oder zwei Jahre spæter mit der »Coda«, dem überdimensiona-len Schwanzstück Auslœschung, war das Eigentliche ausgesagt, das lebenslænglich Quælende, das Unaus-sprechliche endlich ausgesprochen und damit ausgelœscht, das biedermeierliche Chiffrenspiel, die Verbindung von Sexualitæt mit Krankheit undspan style="font-size:12px;" Tod be- und versiegelt; mit dem Satyrstück Heldenplatz verabschiedete er sich.
Der letzte Beweis dieses kalkulierten Versteck- und Entdeckspiels gelang mir aber erst vorgestern, am dreizehnten Juni, nachdem mir mein junger Freund den Ausdruck der von ihm angeregten chronologisch angelegten Tabelle mit Thomas’ Werken, in denen ich diese immer wiederkehrenden Chiffren auffand, vorlegte; er hatte zusætzlich noch Sperrs Stück eingefügt. Diese abschließende Erkenntnis verdanke ich nun meiner Zæhlkrankheit, die ja Thomas mit mir teilte und über die er etwa in Wittgensteins Neffe redet; denn so wurde mir klar, daß er die Werke vollkommen symmetrisch angelegt hat, in einer Symmetrie freilich, die vollkom-men verborgen ist, indem ja eine Reihe von Stücken, aber auch Prosatexten, in denen diese Chiffren nicht auftauchen, diese Geheimbotschaft fast vollkommen verdeckt. Nichts durfte solchen Menschen, wie uns bei¬den, sozusagen dem Zufall oder der Nachlæssigkeit überlassen sein, alles mußte sein ganz und gar ausgeklügeltes Geometrisches, Symmetrisches, Mathemati-sches ha¬ben, schreibt Thomas in Wittgensteins Neffe. In Verstœrung ist es allerdings ein Verbrechen, jemanden in die tiefsten und eigenlichen Gedanken hineinzustoßen, in das monumentale Zahlen- und Ziffern-, Chiffern- und UNENDLICHE NATURLABYRINTH …
Es kommt mir beinahe schæbig vor, dieses Geheimnis, eingedenk des Goethe-Wortes, nun preiszugeben, doch die zeitliche Distanz und ein womœglich noch schlechteres Gewissen, dieses Geheimnis mit ins Grab zu nehmen, statt es den »Weisen« in den Schoß zu legen, dienen mir zu meiner Rechtfertigung. Ein letztes Mal erinnere ich an das zweimalige Aussprechen des Schlüssels für die Geheimcodes in Amras und im Skandalroman Holzfællen, in dem ja eine der Chiffren sogar zum Titel mit einem unterstützenden Untertitel gemacht worden ist. Vor Amras wird der unmittelbar nach der Lampersberg-Affære entstandene Roman-Erstling Frost als Antezedens verwendet, nach Holzfællen Auslœschung als Coda, als überdimensionales Schwanzstück, eingesetzt – mit dem Verweis auf das Schlüsselwerk auf der ersten Seite, der Pagina sieben. Genau zwanzig Jahre trennen die beiden Werke, in denen Thomas offen und ehrlich sagte, was Sache ist. Nur in einem Theaterstück, Die Jagdgesellschaft, konnte ich indes diese chiffrierte Thematik signifikant auffinden, und dieses Stück erschien zeitlich genau in der Mitte dieser beiden Werke auf dem Burgtheater und im Druck, zehn Jahre nach Amras, zehn Jahre vor Holzfællen, nach Amras aber und Jagdgesellschaft ließ er vier Texte mit dieser Thematik, nach der Jagdgesellschaft und vor Holzfællen ebenfalls vier Prosatexte mit diesen Chiffren erscheinen: Die Jagdgesellschaft als vollendeter siebenter von dreizehn entscheidenden Texten.
In Elisabeth II. gibt es zwar Anspielungen auf ein Verhæltnis Herrensteins zu seinem Diener Richard, der, wie es scheint, ausgerechnet mit jenem Schuppich ein neues Verhæltnis hat, der über Herrenstein, in nur kaum verschlüsselter Form, ein diffamierendes Buch geschrie-ben hat. Um Schuppich zu klagen, ist aber Herrenstein, im Unterschied zu Lampersberg, zu klug. Auch mit der Ohrensesselszene spielt Thomas auf Holzfællen an. Einmal tauchen Holzhacker neben Fleischhackern auf, und sein bei ihm angestellter Direktor heißt ausgerechnet Holzinger. Dennoch liegt in diesem Stück die bewußte Chiffren-Variationenkette nicht signifikant vor, sodaß Elisabeth II. nicht Teil dieser Werk-Symmetrie ist, sondern eher den Satyrspiel-Charakter von Heldenplatz vor-wegnimmt. Auch der Schafspelzmantel in den Alten Meistern ist nicht mehr als ein Selbst-Zitat, das zwar auf die Chiffren-Technik verweist, aber kein Kapitel des »Ge-samt-Romans« darstellt. Dort bewundert Reger an Atzbacher den Schafspelzmantel wegen seines besonderen Schnitts, der nur an der polnisch-russischen Grenze er-zeugt würde. Auf einmal erschien er, Atzbacher, ihm, Reger, so nicht nur gutangezogen, sondern geradezu gutaussehend …
Spætestens nach der Jagdgesellschaft muß Thomas diese ausgeklügelte Symmetrie entworfen haben, sofern es sich dabei nicht um ein rein mystisches Phænomen handelt. Zwanzig Jahre nach der letzten, vierzig Jahre nach der ersten Verwendung der Chiffrensprache ist nun diese Symmetrie aufgedeckt, sowie sich auch Thomas kaum zufællig genau vierzig Jahre nach seines Großvaters Abgang von der großen Weltbühne verabschiedet hatte, am vierzigsten Todestag noch des Großvaters gedenkend, nachdem er am Vortag noch sein berühmt-berüchtigtes Testament, das man schon zehn Jahre nach seinem Tod nicht mehr respektieren sollte, aufgesetzt hatte, und erst am næchsten Tag in der Früh nachfolgend, in seiner konsequent philosophisch-mathematisch-musikalischen Gleichung, wie Glenn Gould mit seiner letzten Interpretation der Goldberg-Variationen, aufgehend. Der absolute Kegel wurde errichtet. Das Ende ist kein Vorgang. Lichtung.

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhœhnet …

Goethe

MANCHMAL WÜSSTE ICH zu gern, wie IN ANZÜGLICHKEITEN TRÆUMENDE Holzfæller über das Labyrinthische meiner Wissenschaft, seiner Schriftstellerei denken. Jedenfalls habe auch ich Ein- und Überblick über das Holzfællen genommen und bekommen, was nicht zuletzt mit meiner Œffnung nach dem Tod Deborahs zusammenhængt, und jetzt habe ich auch in der Holzverarbeitung einige Kenntnisse ...
Was aber war der kleinste gemeinsame Nenner des »Pentateuchs« für Gambetti, dachte ich nun, als ich am Fenster sitzend wieder zum Anfang meiner Niederschrift zurückblætterte, denn an die Mœglichkeit eines bloßen »name droppings«, das Thomas oft unterstellt wurde und wird, um es sich leichter zu machen, dachte ich længst nicht mehr. Da wære nun also einmal das naturalistische Moment, das bereits beim empfindsam-aufklærerischen Jean Paul mit gleichzeitigem Zerfall der Werte, schon durch das Herzstück, das in Amras explizit erwæhnt wird, næmlich den Atheismus-Traum, von Christus hœchst selbst artikuliert, vorweggenommen wird. In Brochs Esch oder Die Anarchie, dem Mittelstück der Schlafwandler-Trilogie, wird eine anarchische Opfer- und Erlœsungsphantasie zum fixen Plan der Beseitigung des Kaufmanns Eduard von Bertrand, der die Romantik des ersten Romans ins Wanken gebracht hat; noch ge-lingt die Kompensation durch erotische Abenteuer. (Schließlich wird jedoch der anarchistische Esch ermordet, und die Sachlichkeit des dritten Teiles wird trium-phieren: der Zerfall der Werte feiert frœhliche Urstænd.) Franz Kafkas Romanfigur K. weiß bis zum Schluß nicht, worum es bei seinem Prozeß überhaupt geht und warum er schließlich hingerichtet wird. Musils Portugiesin, das neoromantische Rittermærchen, scheint sich dafür gar nicht recht in den übrigen Kontext zu fügen, wenngleich freilich auch die Parameter für von Kettens heile Raubritterwelt durch den Tod seines Hauptfeindes – wohl kaum zufællig ein Bischof – ins Wanken geraten. Turm, Burg, Schloß und Existenzkerker fügen sich aber freilich gut in Bernhards Werk, verbinden Die Portugiesin mit Amras, auch etwa mit Auslœschung und Korrektur, sowie mit Kafkas Schloß, dem Eingesperrtsein im Prozeß und Musils Hauptwerk, in dem die schloßartige Villa des Manns ohne Eigenschaften am Beginn des Romans einlæßlich beschrieben wird. Sind also die gleichnishaften Werke Musils und Kafkas im »Pentateuch« für Gambetti alles andere als zufællig um Thomas’ eigenes Werk, dessen Erwæhnung mœglicherweise im ersten Moment nur Schmunzeln erzeugt, gelegt? Jean Paul und Broch der sachlichere æußere Rahmen, sodaß Amras ganz und gar eingebettet und symmetrisch umarmt wird? Vorerst war an dieser Stelle übrigens Stifters Witiko gestanden … Zwanzig Jahre, zwischen Amras und Holzfællen, chiffrierte und dechiffrierte Thomas zugleich, zu Beginn sei-nes Schaffens also und am Ende, vielleicht nicht zufællig wieder Mitte der achtziger Jahre, als man das andere Thema wieder oder, zumindest in unserer Gesellschaft, fast erstmals œffentlich behandelte, sprach er es in aller Deutlichkeit aus. In Auslœschung aber verweist er auf Seite sieben noch einmal auf das Schlüsselwerk, legt den Schlüssel ein letztes Mal an eine exponierte Stelle – und dann ist endlich alles gesagt.
Was aber, wenn alles nur ein nützlich frœmmelnder Wunsch?, weniger Er- als Bekenntnisdrang der Vater der Gedanken wære?, wenn, wie so oft, nur kaum Kenner- aus der Bekanntschaft resultierte?, wenn Erhofftes und Ersehntes, Ver- und Gedichtetes, Gelichtetes und Gedachtes bedeutender als andernorts Genanntes und tatsæchlich Erkanntes, erst lange im Erdgrund gewachsen und dann, scheinbar plœtzlich, nach dem ersten ergiebigeren Regenguß wie Pilze an die Oberflæche geschossen wære? Hervorragende und wohlschmeckende Speisepilze neben weidlich schleimigen, widerlichen und giftigen. Dennoch wollte ich zumindest die nützlichen Pilze nicht missen, deren wichtigster und sich erneuernder Teil, wenn auch nicht genießbar und verdaulich, ja letztlich im Waldboden zurückbleibt. Beharrliche Gewissenhaftigkeit und noch so ausgeklügelte Wissenschaft bilden freilich nur einen mœglichen Weg und naturgemæß nicht zwangslæufig den besten. Was man selbst gern gehabt, was man dem anderen gegœnnt hætte, fließt wohl oft genug in Erinnerungen zusammen. Die Wirklichkeit aber ist letztlich das, was in uns wirkt und werkt, was dadurch ist, weil es gefühlt und gedacht, zusammengereimt und ertræumt ist.

ICH LEHNTE MICH zurück, es hatte zu regnen begonnen, der Traunstein war in Regenwolken und Nebel gehüllt, der See aufgewühlt. Ich überlegte eine Weile, ob ich ins Auto steigen und nach Obernathal hinauffahren sollte – oder von Ebenzweyer zur »Krucka« bei Reindlmühl, was mich in den letzten Tagen in eine ganz poetische Stim-mung versetzt hatte. Die Arnika verblühte gerade und erinnerte mich an den Juni neunzehneinundsiebzig, als Jakob sie erstmals für einen Schnaps eingesammelt hatte. Ich legte meine Unterlagen, Bücher, Manuskripte, Notizzetteln, zusammen und schaltete die nœtig gewordene Tischlampe wieder ab. Ich hætte die Erinnerungen und Überlegungen in der Josefstadt nicht anstellen kœnnen, dachte ich jetzt, noch weniger natürlich in Birmingham, und ich hætte nicht gleichzeitig den verwaisten Haushalt führen, mich um Einkaufen, Essen und all die selbstverstændlichen Alltæglichkeiten kümmern kœnnen, davon war ich überzeugt. Wir brauchen letztlich immer jemanden, der sich um uns kümmert, wenn wir als Geistesmenschen schaffen wollen. Aber schließlich bin ich doch gescheitert, denn die Lust-und-Demütigungsgeschichte von der eigentlichen Liebesgeschichte zu trennen, ist mir nicht gelungen. Trotz Deborahs Tod nicht. Mit Para-phrasen-Phrasen habe ich mich aus der Affære gezogen, nicht um Thomas, nicht einmal um Deborah oder meine Tochter, sondern um mich zu schützen: de mortuis nil nisi bene – – – sed de me ipso solum optime ... Was für eine angenehme Art, die Verführung von einst zu begraben oder die Nicht-Verführung hinunterzuschlucken, besser noch: auszuspucken, in den Traunsee zu versenken, wo er am tiefsten ist. Kann eine Eifersucht so lange Jahre anhalten, ohne zu Aggression gegen den Schuldi-gen oder Depression wegen des allzu Geduldigen, des eigenen Gewissens, zu werden?

ALS JAKOB GING und wieder Josef wurde, ließ er Amras, das er zehn Jahre zuvor von Thomas mit jener leicht variierten Goetheschen Widmung, nach Suleikas Worten aus dem West-œstlichen Divan, geschenkt bekam und wahrscheinlich nie gelesen hat, auf seinem Bett liegen. Obwohl Thomas es bestimmt bemerkt hatte, nahm ich damals dieses Exemplar an mich und legte dafür jenes an dieselbe Stelle, das Thomas mir am Abend, nachdem wir Josef das erste Mal gemeinsam am besagten Holzschlag gesehen hatten, auf das Bett im verwaisten Auszugsteil gelegt hat – ohne Dedikation, wortlos. Heute brachte ich das andere Exemplar wieder zurück.

Wir beherrschten beide die Kunst der Andeu-tung wie keine andere ... wir haßten, verach-teten alles Ausgesprochene, Zuendegerede-te ...

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7 Gedichte

Sssss

ich
er
sicher

ich
er
er
ich
E r i c h

er
ich
ach
ich
er
s–ich–er
sicher

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Papi an Puppi (wegen Pepi)

geh • puppi • sag dem pepi •
es wære gar zu schœn •
er würde nach dem papi
doch gleich auch pipi gehn •
da wær’ der papi froh •
sonst lassen wir ihn da
mit einer am popo
und gehn allein baba •

herzl
herzl • ich will
will ich • herzl?
will-ig
wie? ich?
herzl
herzl • ich will kommen
komm
herzl • ich will kommen
herzl
herz-lich will-kommen

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Etüden auf o und i

Ernst Jandl

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso
otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Mimis Mietz

MIMIS mietz piekt
mimi: ih • mietz • ih
mimis mietz flieht

mimi niest viel
mimi ißt viel
mimi ist still
mimi spielt
mimi schielt
mimi: mietz • mietz

mimis mietz flitzt hin
mimis mietz bringt mist
ihr mist – – – piepst
mimi: igitt

MIT einem Pesto will ich ihn verfuehren
und heb’ den Mœrser wie ein Heiligtum
aus der Vitrine • streich’ auf ihm herum •
als wollte ich ihn zærtlich manikueren ...

Und wird der Liebste meine Liebe spueren •
wenn Pinienkerne und Basilikum
und Knoblauch • Steinsalz im Mysterium
mit Œl und Kæse sich im All verlieren ?

Ich will nicht nur in diesem Mœrser ruehren •
wenn sich die Kerne butterweich zerstampfen •
Der Stœssel spricht von alten Liebesschwueren •

Ich hoffe noch • solang’ die Nudeln dampfen •
der Liebe immergruene Kraft zu spueren ---
Und seh’ ihn doch wie alle Tage mampfen •

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DER Liebste kommt • Da mache ich Spinat
mit frischem Bærlauch aus den Donauauen
mit Knoblauch von der Æcker erster Saat •

Ich setze Obers zu und laß es etwas brauen •
und Salz und Pfeffer • reichlich Parmesan –
– – – und denk’ schon kurz an seinen Blick • den blauen •

Dann von der Fensterbank den Majoran
dazu und ganz zuletzt noch ein – – zwei Eier •
Wir brauchen sie gewiß • Nun ist’s getan •

und ich erwarte ihn zur Abendfeier •

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In meiner Seele hab’ ich Raum für einen Kuß
und tæte alles für den seligen Genuß •
Ich kletterte auf einen Baum für einen Kuß •
empfænde • wenn er’s wollte • keinerlei Verdruß
zu streicheln seines Anzugs Saum für einen Kuß •
bereitete ihm einen himmlischen Erguß •
und ich liebkoste ihm den Flaum für einen Kuß
und gæbe ihm von meiner Liebe Überfluß –
und halte mich nicht mehr in Zaum für diesen Kuß •
Ich muß die Lippe endlich spüren • ja • ich muß •

In meinen Qualen glaubt’ ich kaum mehr an den Kuß •
Da schloß er mich in seine Arme • und zum Schluß •
ich sage euch • das war ein Traum von einem Kuß •

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Kinderbuch • Pfau Pfing und Panda Bo

In China geht die Sonne auf,
und Panda Bo reibt sich die Augen,
die kugelrunden Kulleraugen.
Dann schaut er auf den Ginkgo rauf.
Hoch auf dem Ginkgobaum, da straffen
sich eben dreißig Gibbon-Affen.
Und alle rufen: »Faulpelz, auf!«
Sie sind schon außer Rand und Band,
als weckte sie ein Waldesbrand.

Doch Panda Bo ist nicht so munter.
Er gähnt
und lehnt
sich an den Baum.
Der arme Bo, er merkt es kaum,
was von dem Baum da fliegt herunter:
ganz schrecklich viele Ginkgo-Nüsse.
Er denkt, daß es wohl regnen müsse.
Die Affen treiben’s immer bunter.
»Warum bewerft ihr mich, ihr Affen?
Was habe ich euch denn getan?«
Die Affen aber schaun und gaffen
den Panda Bo als Wunder an.
Da wird es Panda Bo zu viel,
er trottet runter zu dem Teiche
und stemmt die Pfote in die Weiche.
Das ist sein Ziel, dort ist es kühl
an jener alten Wintereiche.

Ein Bambussproß wird angekaut,
ein zweiter, dritter folgen nach,
gemütlich stets, gemach, gemach!
Dann folgt ein zartes Wiesenkraut.
Es schmeckt ihm gut, er schmatzt auch laut.
Nach diesem herrlichen Gericht
wird er schon wieder matt und müder.
Er putzt sich nur noch sein Gesicht
und legt sich an dem Teiche nieder.

Wie lange hat er denn geruht?
Und ist es etwa nur ein Traum?
Auf einmal sitzt am Eichenbaum
Ein prächtig Tier. Was das nur tut?
Es streckt den langen blauen Hals,
als ob der lang genug nicht wäre.
Auf einem Bein macht es die Kehre
und fliegt auf eine nahe Föhre.
Es glänzt und schimmert jedenfalls
in Blau, in Grün, in hellem Gold.
Ganz kupferbraun sind seine Schwingen.
Verwirrend ist vor allen Dingen,
wie es mit seinem Köpfchen rollt.
Es sitzt nicht nur wie auf dem Throne,
es trägt am Kopf auch eine Krone
aus Federn, die wie Perlen sind.

Da staunt das kleine Pandakind,
denn Panda Bo hat viel gesehen.
Doch all das Winden und das Drehen
geht Panda Bo doch zu geschwind.
Wer könnte auch bei solchem Treiben
ganz ruhig und gelassen bleiben?

Doch endlich faßt er sich ein Herz
und fragt das selt’ne Wundertier:
»Wer bist denn du? Bist nicht von hier.
Sag, wie du heißt! Ach, sag es mir!«
Das Wundertier
sieht himmelwärts,
weil es doch nicht mit jedem spricht.
Vor allem mit so Jungen nicht.
Doch Panda Bo gibt noch nicht auf
und nimmt die Eitelkeit in Kauf.
»Ich bin der Panda Bo vom Ginkgo-Baum.
Und wer bist du? Bist du ein Traum?«

Ein jeder weiß doch, wer ich bin.
Ich bin des Morgens Anbeginn
und auch der goldne Abendsaum.«
Doch Panda Bo versteht ihn kaum,
so seltsam klingt ihm dieses Wort.
Es klingt nach honigsüßen Waben.
»Du wirst doch einen Namen haben
Wenn du’s nicht sagst, dann geh’ ich fort!«
Und Panda Bo dreht sich schon um.
Da bleibt das Wundertier nicht stumm:
»Pfau Pfing heiß’ ich und komm’ von weit
aus einer schön’ren, beß’ren Zeit.«
»Nun gut, er redet halt geschliffen«,
denkt Panda Bo und ist versöhnt.
In Wahrheit hat er’s nicht begriffen,
doch hofft er, daß er sich gewöhnt
an dessen seltsame Gebärden.
Er denkt sich bloß: »Es wird schon werden!«
Denn Panda Bo hat sich schon lang’ gesehnt
nach einem Freund, der ihn begleitet,
an den er sich bisweilen lehnt,
weil Einsamkeit ihm nichts bedeutet.

Pfau Ping jedoch fliegt plötzlich weiter
und hat zum Abschied nichts gesagt.
Da läuft auch Panda Bo, der heiter
ihm folgen will wie auf der Jagd.
Er hetzt sich, er hechelt,
er fächelt
sich zu, er lauert, er lächelt
und gibt keine Ruh’.
Es köchelt das Blut,
er kämpft, und er keucht,
fast sinkt ihm der Mut,
doch dort ist er vielleicht …
Ja schau! ganz in Blau
und Gold ist der Pfau!
Pfau Pfing ist erreicht,
Pfau Pfing in der Au.

Pfau Pfing jedoch sieht ihn nicht an.
Er spiegelt sich im dunklen See
und streckt sein Krönchen in die Höh’.
Wie man so eitel schauen kann?!
Pfau Pfing ist wirklich furchtbar eitel,
vom Krallenfuß bis hin zum Scheitel.
Doch Panda Bo bestaunt den Pfing.
Er fühlt sich ganz und gar gering
und ist zugleich ganz sehnsuchtsvoll.
Ob er sich wohl mal baden soll?
Und schon ist Bo hineingesprungen.
Er planscht im See, so wie’s die Jungen
halt gerne tun,
wenn sie nicht ruh’n …

Da taucht ein gold’ner Karpfen auf
und hemmt des Pandas nassen Lauf:
»Was störst du meine Mittagsruh’,
du Störefried, wer bist denn du?«
Doch Panda Bo ist so erschrocken,
daß er sein kühles Bad verkürzt
und eilig aus dem Tümpel stürzt.
Ihr glaubt es nicht: schon ist er trocken,
als hätte er nicht g’rad gebadet.
Der Karpfen hat ihm nicht geschadet.
Das merkt er nun. »Ich bin der Panda Bo.
Und folg’ Pfau Pfing, dem schönsten Tier.
Du siehst ihn hier
gleich neben mir.«
»Na ja, der taugt mir gar nicht so!«
Der Karpfen blubbert etwas faul
und öffnet kaum sein Karpfenmaul.
»Sieh meine gold’nen Schuppen an!
Sag, ob’s was Schön’res geben kann!
Ich möchte den mal schwimmen sehn.
Ich wett’, der ist nicht halb so schön
wie wir in unsrem stillen Teich.
Und er ist auch nicht halb so reich.«
Der Panda Bo ist ganz empört.
Pfau Pfing hat es wohl auch gehört.
Pfau Pfing sagt: »Pah!« und dreht sich um.
Der Karpfen aber schwimmt nun stumm
zurück zu seinen Karpfenkindern.
Und Panda Bo hat Pfing nur kaum verteidigt.
Der Karpfen hat Pfau Pfing beleidigt.
Und Bo? Er konnt’ es nicht verhindern.

Schon wird es dunkel. Und es gaffen
die frechen kleinen Gibbon-Affen
auf unser seltsam ungleich Paar,
das wirklich wunderlich aussieht.
Und plötzlich singt die Affen-Schar
ein furchtbar grauenhaftes Lied.
»Der Tiger hat die Pandas gern,
so gern, so gern, zum Fressen gern.«
So tönt es her von nah und fern.
Und Panda Bo wird angst und bang
von diesem schrecklichen Gesang.
Ganz zitternd schläft er spät erst ein.
Die Affen sind doch so gemein.

Am Morgen ist Pfau Pfing schon früh’
von seinem Schlafplatz aufgebrochen.
Und Panda Bo ist wohl noch nie
so schnell aus seinem Bett gekrochen.
Jetzt darf er nicht weilen,
jetzt muß er sich eilen.
Er hetzt sich, er hechelt,
er fächelt
sich zu, er lauert, er lächelt
und gibt keine Ruh’.
Es köchelt das Blut,
er kämpft, und er keucht,
fast sinkt ihm der Mut,
doch dort ist er vielleicht …
Ja schau! ganz in Blau
und Gold ist der Pfau!
Pfau Pfing in einem Blütenwald.

Es ist ein Wald von Azaleen.
Der scheint in Flammen dazustehen.
Denn rosa, rot und gelb und weiß,
so leuchten sie und sind nicht heiß,
so schön, so feurig anzusehen.
Und hunderte Vögel
mit leuchtenden Schwingen
und Scharen von bunten Schmetterlingen.
Sie flattern
und schnattern
und brummen
und summen,
sie klingen
und singen
so bunt wie diese Blütenpracht,
die plötzlich aus der dunklen Nacht
erwacht,
entfacht
wie Sonnenlicht,
das zaghaft durch die Zweige bricht.

Die Äuglein reibt sich Panda Bo.
Schon wieder glaubt er sich im Traum,
ein Wunder ist es sowieso.
Doch Wahrheit ist’s. Man glaubt es kaum.
Auf einmal tummeln sich die hellen
und schlanken, schnellen
immer wachen Waldgazellen
zwischen
den Büschen
und blühenden Bäumen.
Sie selber duften noch sehr nach Träumen.
Da hört man weit’re Gäste nah’n:
der wunderschöne Goldfasan
mit seinen sieben braunen Hennen,
die hinter ihm laut gackernd rennen.
Der Goldfasan mit grünem Kopf
hat keinen ganz so schönen Schopf,
wie ihn Pfau Pfing mit Perlen schmückt.
Doch sonst ist wohl auch er geglückt.
Er plustert sich gar prächtig auf
und nimmt dabei sogar in Kauf,
daß ihn dabei Pfau Pfing erblickt.
Pfau Pfing sagt: »Pah!« und dreht sich um.
Der Goldfasan wird starr und stumm
und dreht sich zu den sieben Hennen,
die gar nichts mehr verstehen können.
Pfau Pfing und Golfasan sind eitel,
vom Krallenfuß bis hin zum Scheitel.
Zwei eitle Herren sind zu viel
für ihr Gefühl,
sodaß die Hennen
nach Hause rennen,
weil sie auf keinen Machtkampf brennen.

Auf einmal stören mies und fies
die Affen dieses Paradies
und strecken die Zungen,
sie necken den Jungen
und singen wieder überdies:
»Der Tiger hat die Pandas gern,
so gern, so gern, zum Fressen gern.«
So tönt es her von nah und fern.
Und Panda Bo wird angst und bang
von diesem schrecklichen Gesang.
Ganz zitternd duckt er sich und klein
bei einem moosbedeckten Stein.
Die Affen sind doch so gemein.
Pfau Pfing jedoch, der gerne schweigt,
sich heute einmal freundlich zeigt:
»Seit dieser Dschungel kriegerleer,
gibt längst es keine Tiger mehr.
Die Affen plappern blödes Zeug
und sind doch selber
dumme Kälber
und furchtsam, glaub’ es mir, und feig.«
»Man sieht, da kommt ein Sieger her!«,
denkt Pando Bo
und fühlt sich frei und froh.
Jetzt hat er keine Ängste mehr.

Es brummt nun plötzlich furchtbar laut.
Erschrocken blickt sich Panda Bo
nach allen Seiten um, doch nirgendwo
ist was zu sehn. »Ja, ja, so so!
Dein Magen braucht ein frisches Kraut.«
Pfau Pfing kennt dieses Magenbrummen.
Nur Essen bringt es zum Verstummen.
Da kehren sie zum Teich zurück.
Der Karpfen blubbert immer noch
mit Argwohn. Panda Bo jedoch
sucht jetzt am Ufer bloß sein Glück.
Dort wo die Bambusstauden wehen,
bleibt er im Handumdrehen stehen.
Denn Panda Bo ist so verschossen
auf junge zarte Bambussprossen.

Pfau Pfing jedoch ist unterdessen
schon längst am Eichenbaum gesessen.
Er späht nach jeder Himmelsrichtung.
Gefährlich scheint ihm diese Lichtung.
Und hört er nebst dem Panda-Schmatzen
kein Kratzen
wilder Katzentatzen?
Bei jenen Büschen schleicht ein Tier.
Er sieht nichts, doch ein fein Gespür
sagt ihm: Paß auf! Es lauert hier
ein Tier
mit übergroßer Gier.
Ein Knurren hört er schon und Knacken.
Das ist kein Magenknurren bloß.
Ein Räuber ist es, riesblockquote dir="ltr" style="margin-right:0px;"engroß.
Er wird doch Panda Bo nicht packen.
Schon sieht er lange dunkle Streifen,
ein Schleichen, weder feig noch faul.
Und Riesentatzen werden greifen
und reißen wird es mit dem Maul.
Hier ist er schon der Riesentiger,
er leckt
sich, streckt
die Zunge schon.
Er ist des Dschungels größter Sieger -
und will heut’ Panda Bo zum Lohn.

Da tönt der laute Pfauenschrei,
der ihn verwirrt.
Doch Bo, er irrt
im Kreis.
Ganz heiß
und kalt ihm wird.
Und kommt kein Retter denn vorbei?
Es schnattert
und flattert,
es knistert und knattert.
Die Vögel und Affen,
sie gucken und gaffen.
Doch schüchtern und scheu.

Den Tiger aber schert das nicht,
sieht Panda Bo schon wieder an
und denkt, daß der nicht fliehen kann.
Da spuckt ihm einer ins Gesicht.
Es ist der Karpfen, der vom Teich
hinüberspuckt ins trock’ne Reich.
Der Karpfen hat so gut gezielt,
daß er den Tiger abgekühlt.
Der wird jetzt zornig, planscht ins Naß,
so aber fängt der nie etwas.
Pfau Pfing nun flüstert unterdessen
zum angsterfüllten Panda Bo:
»Komm, klettere hinauf, nur so
wird dich das Tigertier nicht fressen!«
Und Panda Bo erklettert schwer
das dunkelgrüne Blättermeer.
Auf halber Höh’ ist erst der Tropf,
da wendet seinen Riesenkopf
der Tiger und kommt hinterher.
Da werfen die Affen in plötzlicher Wut
von Bäumen und Büschen
was sie g’rad erwischen
auf den Tiger hinunter.
Der stürzt gleich herunter,
ihm schwindet der Mut.

Und jetzt in diesem Augenblick
fliegt ihm Pfau Pfing noch wild entgegen
und zeigt ihm seinen besten Trick.
Die langen Federn sich bewegen
und legen
sich hoch zum Pfauenrad zusammen.
Da sieht er aus wie Sturm und Regen,
weil hundert Augen überlegen
dem Tigertier entgegenflammen.
Der Hals sieht aus wie eine Schlange.
Dem Tiger wird so angst und bange.
Da rennt er,
als brennt’ er
von diesem großen Pfauenrad,
das er noch nie gesehen hat.

Klein Panda Bo ist ganz betroffen.
Der kleine Mund steht ihm noch offen.
Auch er hat so was nie gesehn.
»Gib zu, er ist ganz wunderschön!«,
sagt er zum Karpfen: »Ja, hast recht!«
Und auch ein Hecht
im Karpfenteich
wird bei dem Anblick mild und weich.
Pfau Pfing jedoch zupft eine Feder
aus seinem aufgestellten Rad,
was er noch nie im Leben tat,
steckt Panda Bo sie hinters Ohr:
»Das sei das Zeichen, welches jeder
erkennen wird. Du bist mein Freund!«
Dem Panda Bo, der fast schon weint,
steigt Röte ins Gesicht empor.

Da gaffen
die Affen
und strecken die Zungen,
sie necken den Jungen:
»Hallihallo
der Panda Bo,
der weint ja so!
Der brummelt
und schummelt
und schnüffelt und schnauft.
Pfau Pfing hat Federn ausgerauft
fürs Ohr vom kleinen Panda Bo.
Der Tiger ist jetzt irgendwo.
Doch hast du kein Glück,
dann kommt er zurück.
Hi hi, ha ha, ho ho!«

Nur Panda Bo ist ausgesöhnt
mit dieser lauten Affenschar,
die eine große Hilfe war.
Sein Ohr ist wirklich ganz verschönt,
woran er sich noch nicht gewöhnt.
Er gähnt
und lehnt
sich an den Baum.
Der kleine Bo, er merkt es kaum,
daß er zum Schlafengehn sich sehnt.

Gut Nacht, du lieber Panda Bo,

Pfau Pfing auch du und sowieso!

Daß bald im Wald von Azaleen

wir uns’re Freunde wieder sehen!

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Der Siebenschlæfer • Ballade

1 ALS Joachim in der Früh’
nachsieht • was da wüchs’ und blüh’ •
erblickt er sein Simperl mit wenigen Nüssen •
das gestern gefüllt war • das muß er doch wissen •
»Wer hat sie gestohlen?
Die Mæuse • die Dohlen?
Nicht die Hunde • Man weiß nie«

2 Und Joachim zagt und zittert •
weil er großes Unheil wittert •
und abends im Zimmer bei flackerndem Scheine •
die Hunde umschleichen die pendelnden Beine •
Da knabbert’s und knistert’s •
und flattert’s und flüstert’s •
Er liegt auf der Bank • zerknittert •

3 Brutzelnd bræt es auf dem Herd •
wæhrend er den Becher leert •
da wird’s ihm auf einmal • als ob er ergraute •
von oben vernimmt er befremdliche Laute •
Es winselt und wimmert •
es flackert und flimmert •
Sind es Geister • was er hœrt?

4 »Bitte • Betty • Betty • bitte •
nimm mich doch in eure Mitte •
Klein-Gino zur Linken • du selber zur Rechten •
So mœchte ich trotzen den hœllischen Mæchten!«
So dacht’ er • so sprach er •
War’s vorher? war’s nachher?
Hœrt er oben leise Tritte •

5 Dann wird es auf einmal still •
Stille • lauter als Gebrüll •
Man hœrt nur das Hecheln der hitzigen Hunde •
das Knistern des Herdes • sonst gar nichts im Grunde •
Da knackt es • da kratzt es •
Aus Joachim platzt es:
»Komme • was da kommen will!«

6 Und mit ængstlichem Gesicht
steigt er auf zum Dach • macht Licht •
Da findet er endlich auf staubigem Boden •
gebettet auf Leinen und lœchrigem Loden •
was Kleines • was Feines •
so gar nichts Gemeines:
schlummernd einen kleinen Wicht •

7 Silbergrau • mit langem Schweife •
Schnæuzchen liegt auf weicher Schleife •
inmitten dem Haufen gestohlener Nüsse
ein Tierchen • verschlafen • Das ist das Gewisse •
das knabbert und knistert
und flattert und flüstert •
»Ach« • so seufzt er • »Ich begreife«

8 »Siebenschlæfer • schlafe brav
deinen Siebenmonatsschlaf
und schrecke mich nimmer mit wirrem Gewimmer •
auf daß ich dort unten im knisternden Zimmer
nicht zitt’re und zage •
noch kneife und klage
wie ein junges dummes Schaf!«

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ILIJA DÜRHAMMER

Loris oder Verfrühte Verführung

Eine Hofmannsthal-Komposition

dem furchtbar fruchtbaren Geburtshelfer Manfred Andræ

dramatis personæ:

HUGO VON HOFMANNSTHAL (auch »Hugerl« und »Loris«), Dichter
LEOPOLD VON ANDRIAN-WERBURG (»Poldy«), Dichter
HERMANN BAHR, Dichter und Prophet der Moderne
CARL JAKOB BURCKHARDT, ein junger Schweizer Intellektueller
STEFAN GEORGE, Dichter
OTTONIE GRÄFIN VON DEGENFELD-SCHONBURG, aus Thüringen; lebt auf einem bairischen Schloß
GERTRUDE VON HOFMANNSTHAL (»Gerty«), Hofmannsthals Gattin
HANS SCHLESINGER, ihr Bruder, Maler
EDGAR KARG VON BEBENBURG, Seekadett
HANNIBAL KARG VON BEBENBURG (»Han[n]sl«), dessen Bruder
CLEMENS VON FRANCKENSTEIN (»Cle«), Komponist (Sänger)
BUI (oder »BUBI«): GEORG VON FRANCKENSTEIN, dessen Bruder
(sehr jung, blond und überaus anmutig: Tänzer)
ARTHUR SCHNITZLER, Dichter
GUSTAV SCHWARZKOPF, Schauspieler und Dichter
HERR HANS, Ober im Café Griensteidl
EINE STIMME, männlich, wie aus einer anderen Welt

stumme Rollen:
DER JUNGE HERR aus ›Das kleine Welttheater‹ (erinnert an »BUI«)
DER KLEINE NEGER aus ›Der Rosenkavalier‹
DER KNABE AGMAHD aus ›Das Bergwerk von Falun‹
STUDENT
BURSCHE IN LIVREE
ZWEI JUNGE MÄNNER IN VENEDIG
ZWEI JUNGE MÄNNER IM CAFÉ GRIENSTEIDL
WEITERE GÄSTE IM CAFÉ GRIENSTEIDL

Die Griensteidl-Szenen spielen im Herbst 1890, im Winter 1891/92 und im Februar 1894,
die Szenen in Alt-Aussee im Sommer 1898
und die in Rodaun im Frühling 1927.
HOFMANNSTHAL trägt nach den Szenen im Café Griensteidl einen Schnurrbart und hat in den Rodauner Szenen graumelierte Schläfen.
Am besten nimmt man für HOFMANNSTHAL zwei Darsteller.

Proœmion

DIE STIMME: Hofmannsthals wohl gehütete Empfin¬dungen und Geheimnisse: die Welt seiner Träume, Sehnsüchte – der Kern seiner Poesie ...
Was die Figuren hier mitteilen, ist von ihren realen Vor¬bildern zu einem guten Teil wirklich gesagt worden, wenn freilich auch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Erste Szene im Café Griensteidl
Herbst 1890. ARTHUR SCHNITZLER und HERMANN BAHR sitzen an einem Kaffeehaustisch. Später treten GUSTAV SCHWARZKOPF und HUGO VON HOFMANNSTHAL gemeinsam zur Tür herein. Das Café ist gut besucht.

BAHR: Modern! modern! Aber lieber Arthur, die heutigen Jüng¬linge wissen ja gar nicht zu sa¬gen, was die Moderne ist.
SCHNITZLER: Ist das nicht wieder einmal etwas zu pathetisch ver¬all¬ge¬mei¬nert?
BAHR: Sie haben kein Programm. Sie haben keine Ästhetik.
SCHNITZLER: Hermann, sind Sie doch ehrlich: braucht es dazu nicht erst einige Erfahrungen? Außerdem denke ich sehr wohl, daß sich einige Anzeichen einer Moderne bereits deutlich bemerkbar machen.
BAHR: Sie wiederholen nur immer, daß sie modern sein wollen. Dieses Wort lieben sie sehr, wie eine mystische Kraft, die Wunder wirkt und heilen kann.
SCHNITZLER: Haben Sie schon von Loris gehört?
BAHR: Gelesen habe ich was von ihm. Eben erst. Prachtvoll, aber halt alles andere als ein Jüngling.
SCHNITZLER: Sie finden ihn nicht modern?
BAHR: Er ist durchaus neu – weitaus der neueste, wie eine vorlau¬te Weissagung ferner, später Zukunft.
SCHNITZLER: Also geben Sie ihm eine Chance?
BAHR: Was für eine Frage? Loris hat eine überaus sensible, fein¬sinnige, ja geradezu fas¬zinierende Rezension über mein Drama geschrieben.
SCHNITZLER: Über »Die Mutter«? BAHR nickt. Loris ist ein bedeu¬tendes Talent: Wissen, Klarheit und, wie es scheint, auch echte Künst¬lerschaft. – Es ist uner¬hört in dem Alter!
BAHR: Warum? Er ist doch wohl schon zwischen vierzig und fünfzig … ?
SCHNITZLER: Lo¬ris? – Ein siebzehnjähriger Junge. Ein Gymna¬siast.
BAHR: Wie bitte?
SCHNITZLER: Sie sind doch sonst immer auf dem Laufenden …

HOFMANNSTHAL tritt mit GUSTAV SCHWARZKOPF ins Café.

SCHNITZLER: Da haben Sie Ihren Vierzig- bis Fünfzigjährigen!
BAHR vor freudiger Überraschung so laut aufschreiend, daß sich alle im Café umdrehen und einige dem jungen Dichter ihre Ovationen machen: Das also ist Loris – – – ?
SCHWARZKOPF, sogleich mit seinem Schützling auf die beiden Dichter zugehend: Dann brauche ich Ihnen, lieber Hermann Bahr, lieber Arthur Schnitzler, Loris gar nicht mehr vorstellen. – Auf HOFMANNSTHAL deutend: Ja, das ist unsere Hoffnung.
SCHNITZLER: Meine Verehrung dem jungen Dichter!
BAHR: Dem jungen Genie.
HOFMANNSTHAL: Ich bin hocherfreut. – Aber hier geht es um kein Verdienst: Poeta nasci¬tur!
BAHR zu SCHNITZLER: Er ist wohl ein blaublütiger, ein geborener Dichter …
SCHWARZKOPF: Wir müssen uns halt erst abrackern, um dorthin zu kommen.
HOFMANNSTHAL: Aber lieber Gustav, übertreib’ er mal nicht! –
SCHWARZKOPF: Mein lieber Junge, Sie sind halt als Dichter auf die Welt gekommen.
HOFMANNSTHAL: Ich denk’, Dichter und Nichtdichter schei¬den ist gerade so un¬möglich wie die sieben Regen¬bogenfarben trennen, oder sagen: Hier hört das Tier auf, und hier fängt die Pflanze an.
SCHWARZKOPF: Nun Hermann, da fällt Ihnen wohl einmal aus¬nahms¬weise nichts dazu ein?
BAHR: Erstaunlich, lieber Gustav Schwarzkopf, in der Tat! – Aber, Herr Loris, wer wäre dann überhaupt ein Dichter?
HOFMANNSTHAL: Was wir »Dich¬ter« nennen, ist etwas willkürlich Abge¬grenztes, wie gut und böse, warm und kalt. In der Natur gibt es nichts Festes, Begrenztes – nur Über¬gänge.
SCHNITZLER: Das klingt beruhigend. Dann darf ich als Anatol vielleicht doch Arzt bleiben …
HOFMANNSTHAL: Ich denke, wir Dichter sollten Leib und Seele kennen. Nicht wahr?
BAHR: Und wie sehen Sie unsere Gegenwart? Was wäre für Sie die Moderne?
HOFMANNSTHAL: Man hat manchmal die Empfindung, als hät¬ten uns unsere Väter und Großväter nur zwei Dinge hin¬terlassen: hübsche Möbel und überfeine Nerven. Die Poe¬sie dieser Möbel erscheint uns als das Vergangene, das Spiel dieser Nerven als das Gegenwärtige.
BAHR im Aufstehen begriffen: Arthur, der Junge gefällt mir. Ein bi߬chen spleenig, aber originell! Jetzt haben wir ausgedient, denn nun gewinnt die Jugend: Ver sacrum!
SCHNITZLER steht ebenfalls auf und drückt HOFMANNSTHAL die Hand.
HOFMANNSTHAL mit einer Verbeugung: Herr Anatol, auf bald!
SCHNITZLER: Bis bald, Herr Loris, auf sehr bald! SCHNITZLER und BAHR ab.
SCHWARZKOPF: Die erste große Schlacht wäre also gewon¬nen … Du hast es geschafft.
HOFMANNSTHAL: Ja, was denn?
SCHWARZKOPF: Du hast den Poesie-Parnaß bestiegen, und die Literatur-Götter huldigen dir.
HOFMANNSTHAL: Mein Gott, Gustav, bist du heute pathetisch.

Das Licht verdämmert nach und nach.

An zwei benachbarten Tischen sitzen je allein zwei junge Männer. Von Zeit zu Zeit sieht der eine den anderen an, und als man dem einen seinen Rotwein bringt, reicht der das Glas dem anderen, damit er zuerst daraus trinke und setzt sich zu ihm. Dieser gibt ihm eine Zigarette; dabei scheint sein Körper in seltsam schmeichelnder und demütiger Dankbarkeit kleiner zu werden,
indes sein Auge flehend, aber ruhig zu ihm blickt. Als der eine endlich aufsteht und hinausgeht, folgt ihm der andere nach und bittet ihn um Feuer.

DIE STIMME: Oft berauschte ihn das Gefühl der vielen, vielen Genüsse, die ihm Wien noch aufbewahrte, und der Ge¬danke, daß unter ihnen das Geheimnis war, in dem der Grund dieses Reizes lag. Damit beschwichtigte er auch den Drang nach dem »Andern«. Er sagte das »Andere« und hatte dabei das Gefühl, nach irgendeiner Richtung er¬streckte sich eine Welt, in der alles verboten und geheim sei, gleich groß mit der, die er kannte. – Zitternd vor Be¬gierde lehnte er an der Wand, und seine Seele genoß die Erinnerung an die Lust seines Leibes und gestand, daß es der wahrhaftigste Drang des Menschen sei, seinen Leib an den Leib eines andern Menschen zu pressen, weil in dieser geheimnisvollen Vernichtung des Daseins eine Erkenntnis ist. – Am selben Abend stand, als er um die Ecke zweier Gassen ging, der Fremde vor ihm, mit dem er im Frühling sehnsüchtig nach Erkenntnis gegangen war. Als er dann an ihm vorübergegangen war, wurde diese Angst nur ban¬ger durch seine Erwartung und durch seine Neugier; was war es, das die Menschen trotz ihres einsamen Lebens dennoch verband, worin lag dieses lockende und drohen¬de Geheimnis im Leben, welche Gewalt hatte Macht über ihn und warum kannte er sie nicht?

Abblendung am Ende der Szene.

Zweite Szene im Café Griensteidl
Dezember 1891. HUGO VON HOFMANNSTHAL sitzt allein an dem Kaffeehaustisch mit verschiedenen Manuskripten vor sich, in denen er vor- und zurückblättert sowie von Zeit zu Zeit Bleistifteintragungen macht und Zetteln einlegt. Er trägt einen Mittelscheitel, Vatermörder und einen beigefarbenen Schlips unter anthrazitfarbener Weste und Sakko.
Das Café ist schlecht besucht, nur im Hintergrund sitzen Gäste an zwei verschiedenen Tischen.
Zwei Tische weiter sitzt ein gut aussehender STUDENT allein, in eine englische Zeitung vertieft. Einige leere Tische.
HOFMANNSTHAL nimmt ebenfalls eine englische Zeitung vom Zeitungsständer, legt sie aber bald wieder weg, ißt zwei Bissen von seinem Strudel und trinkt einen Schluck Kaffee.
Ein BURSCHE IN LIVREE bringt dem allein sitzenden STUDENTEN eine rote Rose, der sich aber vollkommen verblüfft weigert, die Blume anzunehmen. Sein Mienenspiel macht deutlich: es müsse sich wohl um einen Irrtum handeln. Dann sieht er sich um, ob wohl jemand diese Szene mitbekommen hat. HOFMANNSTHAL beobachtet die Szene sichtlich irritiert und blickt, nachdem der LIVRIERTE BURSCHE unverrichteter Dinge wieder abgegangen ist, nachdenklich in den Raum.
Der STUDENT bemerkt die beobachtenden Blicke, legt schnell einen Geldschein auf den Tisch und verläßt fluchtartig das Café.
Es erklingen die ersten paar Takte
aus Debussys ›Prélude à l’après-midi d’un faune‹.

HERR HANS: Ein Herr Stefan George aus Bingen am Rhein ist da und sucht Sie, wie es scheint, dringend. Er sagt, er ist ein Dichter. Soll ich ihn zu Ihrem Tisch bitten, Herr von Hof¬mannsthal? Ich habe ihm jeden¬falls noch nicht gesagt, daß Sie überhaupt da sind …
HOFMANNSTHAL, seine englische Zeitung weglegend: Noch nie von ihm gehört. Na ja, sagen Sie ihm halt, daß ich da bin.

HERR HANS geht ab und kommt mit STEFAN GEORGE wieder, führt ihn aber nicht bis zu HOFMANNSTHALS Tisch, sondern deutet nur hin, dreht sich dann abrupt um, wirft aber noch eine skeptische Miene in HOFMANNSTHALS Richtung, wo sie mit Sympathie bemerkt wird.
GEORGE hat eine strenge, auftoupiert wirkende aschblonde kräftige Mähne, trägt einen beigefarbenen Anzug, ockerfarbene Schuhe und ein hochgeschlossenes gold-gelbes Hemd. Er wirkt deutlich älter, als er mit seinen dreiundzwanzig Jahren ist. Sein Ton ist sehr bestimmend, sein Auftreten forsch und selbstbewußt, geradezu herrisch.

HOFMANNSTHAL, aufstehend und GEORGE die Hand reichend: Hugo von Hofmannsthal.
GEORGE, ihn leicht verblüfft musternd, aber nicht wegen der Pseudonym-Enthüllung, sondern als ob ihn HOFMANNSTHALS jugendliches Al¬ter überraschte: Ach so … Ich verstehe. – Ich las in Berlin zu Be¬ginn die¬ses Jahres einen Aufsatz von Ihnen.
HOFMANNSTHAL: Ja?
GEORGE mit gedehntem Ton: ›Zur Physiologie der modernen Liebe‹.
HOFMANNSTHAL versucht eine leichte Irritation zu verbergen: Ach ... Aber wollen Sie sich nicht setzen?
GEORGE, indem er sich niedersetzt, zitierend: Danke! – Ich erinnere mich, denke ich, genau: »Die Seele ist uner¬schöpflich, weil sie zu¬gleich Beobachter und Objekt ist; das ist ein Thema, das man nicht ausschreiben und nicht aus¬sprechen, weil nicht ausdenken kann.« – So heißt es doch bei Ihnen?
HOFMANNSTHAL: Was für ein gutes Gedächtnis!
GEORGE: Ich habe auch sonst viel von Ihnen gehört, nicht zuletzt las ich einige sehr erle¬sene Verse von Ihnen.
HOFMANNSTHAL: Daß ich selbst in Berlin ge¬lesen und, wie ich sehe, verstanden werde ...
GEORGE: Sie sollten wissen, wie sehr … Sie sind einer unter den wenigen in Europa (und in Österreich der ein¬zi¬ge), mit denen ich Verbindung zu suchen habe: es geht um die Vereinigung derer, welche ah¬nen, was das Dich¬terische ist.
HOFMANNSTHAL: Wie galant!
GEORGE: Nichts liegt mir ferner als das. Sie wissen, daß Dichter ein untrügliches Sensorium für die Wahr¬heit haben.
HOFMANNSTHAL: »Die Dichter lügen zu viel.«
GEORGE: Die falschen. – Wie auch immer. Sie ragen wie ei¬ne er¬ha¬bene Burg aus den natura¬listi¬schen Sümp¬fen auf, Sie hat der Schlamm des Zeit¬geists nicht be¬fleckt, ja in keiner Fa¬ser Ihrer Seele be¬rührt. Wir brauchen Sie, Deutschland braucht Sie, Europa braucht Sie.
HOFMANNSTHAL: Und was stellen Sie sich darunter vor? Was erwarten Sie von einem Verse schreibenden Ma¬tu¬ranten?
GEORGE: Sprechen Sie nicht herablassend von Ihrer Be¬ga¬bung! Sie ist etwas Heiliges, Ewiges, Abbild und zu¬gleich Ur¬bild des Schöpftertums in dürftiger Zeit.
HOFMANNSTHAL: In dürftiger? In poetischer Zeit!
GEORGE: Ich verbrachte die letz¬ten Mo¬nate in Paris und fühlte mich ganz eins mit dem Kreis um Mallarmé, fühlte mich mehr als Romane denn als Deutscher, was ja bei Rhein¬ländern mitunter vorkommen mag.
HOFMANNSTHAL: Ja, ja, das hatten wir schon in den Befreiungs¬kriegen einmal erlebt ...
GEORGE: Seit ich zurück bin, weiß ich eines: daß auch wir Deut¬schen nur im erle¬senen Kreis unser Heil finden können. – Poe, Swinburne und d’Annunzio – – oder die Fran¬zosen im Gefolge Baudelaires um Mallarmé!
HOFMANNSTHAL: Was ist mit denen?
GEORGE: Die muß man ins Deutsche hinübertragen. Beson¬ders muß ich Ihnen Verlaine ans Herz legen und Rim¬baud, der im vorigen Monat starb.
HOFMANNSTHAL: Viel zu früh … oder war es eine Gnade?
GEORGE: Rimbaud, so ein Frühvollendeter wie Sie. Mögen Sie allerdings nicht auch schon mit neun¬zehn zu dichten auf¬hören!
HOFMANNSTHAL: Ich werde mich bemühen. – Und was reizt Sie nun so an dem Mallar¬mé-Kreis? Die symbolistische Mach¬art? Die Verach¬tung des So¬zialen, das Exzentrierte, Extro¬ver¬tierte?
GEORGE: Jetzt reden Sie wie ein einfältiger Philologe und nicht wie der hellsichtige Dichter, der Sie sind. – Unsere Klas¬siker waren nur Pla¬stiker des Stils, noch nicht Maler und Musiker. – Die Musikalität, der bild¬hafte Flug Ihrer Verse sind ein künstlerisches Ver¬sprechen, das das Schick¬sal Ih¬nen einzuhalten ab¬ver¬langt. Sie sind ein Auser¬wählter für die andere Kunst. Die andere Kunst ist uns Ruf und Beru¬fung.
HOFMANNSTHAL: Und unter welchem Symbol?
GEORGE: Ihre ›Physiologie der modernen Liebe‹ benennt den Zu¬sam¬men¬fall von Beobachter und Objekt, von Zeugen und Emp¬fangen im platonischen Geist, kennt aber auch den Wi¬derstreit in unserer eigenen Seele. Sie sind es, der das alles schon ahnt und es heimlich sagt: der Eingeweihte den Einge¬weih¬ten.
HOFMANNSTHAL sehr aufmerksam …
DIE STIMME: Ich bin der Eine und bin Beide
Ich bin der zeuger bin der schoß
Ich bin der degen bin die scheide
Ich bin das opfer bin der stoß
Ich bin der reiche bin der bare
Ich bin das zeichen bin der sinn
Ich bin der schatten bin der wahre
Ich bin ein end und ein beginn
HOFMANNSTHAL: Was für eine seltsame Welt! Wohin führen Sie mich da?
DIE STIMME: Mein garten bedarf nicht luft und nicht wärme •
Der garten den ich mir selber erbaut
Und seiner vögel leblose schwärme
Haben noch nie einen frühling geschaut.

Wie zeug ich dich aber im heiligtume
– So fragt ich wenn ich es sinnend durchmass
In kühnen gespinsten der sorge vergass –
Dunkle grosse schwarze blume?

GEORGE steht auf und geht, ohne sich zu verabschieden.

HOFMANNSTHAL stochert sichtlich erregt im Apfelstrudel herum. Dann, indem er die Gabel weglegt, sieht er mit Schaudern einen Garten auftauchen, in dem alles leblos scheint: ein franzö¬sisch beschnitte¬ner Buchsbaum, tote Vögel davor, verkohlte Stäm¬me, Pinien, ver¬dörrte Früchte, teils von lava-artiger Schicht über¬deckt. Ein grauer Schein aus einer verborgenen Höhle – und end¬lich die schwarze Blume, die der STUDENT aus der ersten Szene pflückt und gleich wieder angewidert fallen läßt. Er reibt sich die Arme, als fröstelte es ihn. Ein Spot auf eine größere Gruppe von Topasen, bernstein-farbig bis gold- und dunkelbraun.

Der akademische Spaziergang
Sonntag, 7. Jänner 1892. Ein Spaziergang vom Beethovenplatz
mit Umweg durch den Stadtpark zur Salesianergasse.
Während DIE STIMME HOFMANNSTHALS Gedicht rezitiert, sieht man an mehreren beleuchteten Stellen im Hintergrund (Edel-)Steine in Schattierungen von gelb bis gold-braun auf der einen sowie gläsern wie Bergkristall und von weiß wie milchiger Opal bis silbern wie Glimmer und Schiefer auf der anderen Seite, zwei ebenfalls silbrig schimmernde Pappeln ganz hinten und eine weiße, geradezu metallig glänzende Rosenhecke davor.
Nur die Topase des vorigen Bildes sind wieder da. Das alles nur während des Gedicht-Vortrages. GEORGE begleitet HOFMANNSTHAL.
Nach dem Gedicht winterliche Stadt- und Park-Szenerie.

DIE STIMME: Schön ist mein Garten mit den gold’nen Bäumen,
Den Blättern, die mit Silbersäuseln zittern,
Dem Diamantentau, den Wappengittern,
Dem Klang des Gongs, bei dem die Löwen träumen,
Die ehernen, und den Topasmäandern
Und der Volière, wo die Reiher blinken,
Die niemals aus den Silberbrunnen trinken …

Nach einer Pause

GEORGE: Die andere Kunst. Unsere hän¬genden Gärten der Semi¬ramis: sie mögen neben¬einander er¬richtet werden und den silbernen Samen von einem zum anderen tragen. In gold-braunen To¬pasmäandern werden sie sich in einander ver¬schlin¬gen.
HOFMANNSTHAL: Befürchten Sie nicht die Entgrenzung, den Ver¬lust der eigentlichen Welt, der Wirklichkeit?
GEORGE: Die Wirklichkeit ist, was in uns wirkt und werkt. Was schert uns die Kleinheit der Nicht-Denkenden und Nicht-Dichtenden? – Ich will ›Blätter für die Kunst‹ begründen, die in abgemessener Zahl gedie¬gen erscheinen, erlesen aus¬gestattet, von erlesenem für erlesenen Kreis. Die Vereini¬gung Gleichgesinnter sollen die ›Blätter‹ symbolisieren. Und Sie sollen mir dabei zur Seite stehen.
HOFMANNSTHAL: Mit Gedichten?
GEORGE: Auch das …
HOFMANNSTHAL: Nach unserem letzten Gespräch über die ande¬re Kunst habe ich ein paar Verse geschrieben. Einem, der vorübergeht. – –
DIE STIMME: Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige, flüsternde Wind.
GEORGE: Einem, der vorübergeht. – Natürlich war es längst in Ihnen. – Sie denken bloß an eine Episode, wo ich ein neues Äon erhoffe? –

Nach einer Pause.

GEORGE: Jetzt kommt mir das Nietzsche-Wort rich¬tig in den Sinn: »Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Ab¬schiede: wo man nicht mehr lieben kann, da soll man – vorüber¬gehn! –« So heißt es doch, nicht wahr?
HOFMANNSTHAL ausweichend: Ich erinnere mich nicht mehr so genau ...
GEORGE: Ihr dauerndes Schweigen (Ihr Verges¬sen schon?) ist mir nicht verständlich. Oder beka¬men Sie meinen Brief nicht? Ich erlaubte mir, in Ihre Wohnung zu gehen, um zu er¬fahren, ob Sie fort oder in der Stadt sind. –
HOFMANNSTHAL: Ich wollte verreisen.
GEORGE: Schon lange im Leben sehnte ich mich nach je¬nem We¬sen von einer verachtenden durchdringenden und über¬fei¬nen Verstandeskraft, die alles verzeiht, be¬greift, würdigt und die mit mir über die Dinge und die Erscheinungen hinflöge.
HOFMANNSTHAL senkt den Blick und sieht dann in Richtung eines Baumes, als ob er nach einer Meise oder einem Eichkatzerln Ausschau hielte.
GEORGE: Diesen Übermenschen habe ich rastlos gesucht, nie¬mals gefunden – grad so wie jenes Andre Unent¬deckbare im All.
HOFMANNSTHAL schweigt und spielt verlegen mit seinem Schal.
GEORGE emphatisch: Und endlich! wie? ja? ein Hof¬fen – ein Ahnen – ein Schwanken – ja, mein Zwillings¬bruder –
HOFMANNSTHAL aufschreiend: Herr George!
GEORGE sich fangend: Ich weiß, ich weiß. In unsren Jahren ist die bedeutsame große geistige Allianz bereits un¬mög¬lich. Je¬der ist bereits in einen gewissen Kreis des Lebens getreten, in dem er hängt und aus dem er nim¬mer sich entfernen kann.
HOFMANNSTHAL zaghaft: Meinen Sie wirklich?
GEORGE: Ich schmähe mich, daß ich redete. Und deshalb will ich, daß Sie mir das Blatt zurückgeben oder es sofort vernich¬ten – mit den Versen! – Schweigen Sie! Sie sind der einzige, der von mir solche Bekenntnisse vernahm. Darin bau’ ich blind auf Sie.

Nach einer Pause

HOFMANNSTHAL fassungslos: Ich – Was soll ich? Wie – –

Nach einer weiteren Pause

HOFMANNSTHAL, sich allmählich fangend: Was kann ich Ihnen sa¬gen? Was darf ich erwi¬dern, der Ihr Bekenntnis, ein Be¬kennen vor sich hin und für sich selbst, ver¬nommen, ein zufällig auf¬gefangenes mehr denn Ga¬be und Geschenk.
GEORGE: Mein ganzes Sein: nicht weniger.
HOFMANNSTHAL: Und ich? Was kann ich geben als mich selbst.
GEORGE: Und, also …?
HOFMANNSTHAL: Ich glaube, daß ein Mensch dem andern sehr viel sein kann: Leuchte, Schlüssel, Saat – Gift. Aber ich sehe hier keine Schuld – und kein Verdienst. Nur was kann der Wille dort helfen, wo Tyche rätselhaft wirkt?
GEORGE: Leuchte, Schlüssel, Saat – das wäre alles, was es sein soll. Weshalb aber Gift?
HOFMANNSTHAL: Ihre große Krise soll enden – von sich aus, weil sie selbst es will.
GEORGE: A ja!
HOFMANNSTHAL: Will mich Ihr Sinn mit den Zügen des Heilen¬den schmücken: er darf es, wenn er muß, und er muß, wenn er kann.
GEORGE zynisch: Was für ein schöner Chiasmus!
HOFMANNSTHAL: Ich hätte Sie gerne gestützt, Ihnen zu dan¬ken, daß Sie mir Tiefen gezeigt haben; aber Sie ste¬hen gern, wo Ihnen schwindelt, und lieben stolz das Grauen vor inne¬ren Abgründen, die nur wenige se¬hen können. GEORGE sieht HOFMANNSTHAL intensiv an, was HOFMANNSTHAL sichtlich noch mehr verwirrt. Und auch ich kann lieben, was mich äng¬stet.

Nach einer erneuten Pause

GEORGE in völlig geändertem Ton, äußerst kühl: Mögen Sie und ich uns denn im ganzen Leben nicht mehr kennen wollen, wenden Sie sich weg, wende ich mich weg, für mich blei¬ben Sie immer die erste Person auf deutscher Seite, die oh¬ne mir vorher näher ge¬stan¬den zu haben, mein Schaf¬fen verstanden und gewür¬digt – und das zu einer Zeit, wo ich auf meinem ein¬samen Felsen zu zittern anfing. Das konn¬te denn kein Wunder sein, daß ich mich Ihrer Person ans Herz warf. Ihr Andrea, mein Algabal: verschiedene Kinder eines Geistes. – Ich hatte vor, mein neues Buch Ihnen zu¬zueignen und würde dabei bleiben, wenn Sie es erlauben. – Leben Sie wohl! – – Einer, der vorüber¬geht ...

Dritte Szene im Griensteidl
Februar 1894. LEOPOLD (»POLDY«) VON ANDRIAN tritt auf, steuert direkt und mit Elan auf HOFMANNSTHALS Tisch zu.

HOFMANNSTHAL: Mein lieber Poldy, wie bin ich froh, dein liebes Gesicht zu sehen!
ANDRIAN: Aber Loris, was für eine Begrüßung!
HOFMANNSTHAL: Jetzt ärgere mich doch nicht wieder mit dem blöden Pseudonym! Sei mir nicht bös’, aber es hört sich gar so pretiös an.
ANDRIAN: Ich wollt’ dich nicht ärgern, mein lieber Hugo, war bloß ein bisserl übermütig. Trag’s mir nicht nach!
HOFMANNSTHAL: Ja, ja! – Schau, hier etwas, was ich dir schon lang’ versprochen hab’. Aber jetzt hat’s mich in eine ganz üble Stimmung versetzt.
ANDRIAN: Aber geh! Was ist es denn?
HOFMANNSTHAL: Der erste Band der ›Blätter für die Kunst‹, von George herausgegeben. Unter anderem ist auch mein ›Tod des Tizian‹ darin abgedruckt.
ANDRIAN: Und warum macht dich das jetzt so trübsinnig?
HOFMANNSTHAL, ihm den Band reichend: Schau’s dir selber an! Mich enerviert schon die orthographische Vereinnahmung, die¬se penetrante Georgesche Kleinschreibung, die kuriose In¬ter¬punktion ...
ANDRIAN blätternd: Mein Gott, jetzt übertreibst du aber! Das ist doch ganz gediegen. Schaut fast aus wie Bütten¬papier. Und die Ausstattung: ganz famos! Selbst die Schrift ist ganz extraordinär.
HOFMANNSTHAL: Der Handschrift Georges nachempfun¬den. Eine ganz eigene Schrifttype.
ANDRIAN: Na also! – Sag, was ist wirklich los!
HOFMANNSTHAL schaut ihm erst in die Augen, senkt aber dann beim Spre¬chen den Blick: Als ich auf dich gewartet hab’, ist mir die ganze unselige Begegnung mit George wieder in den Sinn gekommen.
ANDRIAN: Aber du hast mir doch erzählt, daß die Begegnung mit ihm für dich wie eine – – Initiation gewesen sei.
HOFMANNSTHAL: Mit dem Dichter, ja, aber mit dem Menschen bin ich nie zurechtgekommen. Dieses Fordernde und For¬sche hat mich vollkommen verstört. Er ist ein Mensch ohne den geringsten Charme.
ANDRIAN: Wie?
HOFMANNSTHAL: Unheimlich und gebieterisch aussehend, ein vielleicht noch sehr junger, vielleicht viel älterer Mensch, der sagte, er suche mich und er sei nur deswegen nach Wien gekommen! Das Leben wurde mir durch die Begeg¬nung nicht weniger unheimlich, vielleicht sogar mehr – aber ich fühlte mich selbst, wie etwas Kraft, Liebe und Hoffnung Gebendes. Das hat mich noch mehr verwirrt.
ANDRIAN mit sichtlicher Beklommenheit
HOFMANNSTHAL: Er ist jemand, der einen, ohne mit der Wimper zu zucken, mit Leib und Seele verschlingen kann, wenn man nur einen Moment nicht Acht gibt.
DIE STIMME: Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar.
Von seinen Worten, den unscheinbar leisen,
Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen,
Er macht die leere Luft beengend kreisen
Und er kann töten, ohne zu berühren.
HOFMANNSTHAL, ANDRIAN erst eine Weile betrachtend, dann, wie um wieder ins Hic et Nunc zurückzukommen: Dieses Sonett ›Der Prophet‹ hab’ ich ihm aber nie gezeigt. – Natürlich nicht. Diesen Triumph hätte ich ihm nicht gegönnt. – Neben den Gedichten aus Georges ›Algabal‹ steht mein ›Tizian‹: auch diese Verein¬nah¬mung – be¬ängstigend. Du weißt ja, wer dieser seltsame Jünglings-Kaiser Heliogabalus war … ?
ANDRIAN: Nein …
HOFMANNSTHAL: Dieser Kaiser will nicht zeugen, er wünscht zu gebären. Leib¬liche Geburt ist unmöglich. Nur der Geist kann die Er sieht sich in letzter Annäherung an die Ge¬heim¬nisse des Orga¬nischen als ein weib¬liches Ge¬gen¬spiel; er fühlt sich zu Ergänzung und Steigerung dop¬pel¬ge¬schlecht¬lich oder was das gleiche bedeutet und seiner Lebensstufe tiefer ent¬spricht: geschlechtslos. – So hat sich George seinen ›Alga¬bal‹ vorgestellt, und gerade dieses Werk wollte er mir auch noch widmen!
ANDRIAN: Hugo, Hugo, da bist du ja ganz schön tief drin. Und jetzt wehrst du dich mit Händen und Füßen, wo du die Falle spürst.
HOFMANNSTHAL: Ich weiß nicht, wie ich da wieder unbeschadet herauskomme.
ANDRIAN: Deine Welt ist doch hier.
HOFMANNSTHAL: Und er – – ?
ANDRIAN: Was soll schon sein? Du bist doch Manns genug, oder nicht?
HOFMANNSTHAL: »Manns genug«! – Mein liebes Kind …
ANDRIAN scherzend: Ja? – Papa – – Loris … ?
HOFMANNSTHAL: Poldy!
ANDRIAN: Ich habe dich doch gern, vergiß das nicht!
HOFMANNSTHAL: Ich hab’ dich auch lieb. – Und denkst du je an mich, wenn du an dein Le¬ben denkst?
ANDRIAN: Vielleicht öfter, als – als es g’scheit ist …
HOFMANNSTHAL lächelt.

Vierte Szene im Griensteidl
HERMANN BAHR tritt auf, sieht HOFMANNSTHAL und ANDRIAN aber erst,
als sie ihn rufen.

ANDRIAN: Hugo, schau, wer da hereinstiefelt!
HOFMANNSTHAL: Der Bahr mit großer Denkerfalte.
ANDRIAN: Hermann, hallo! Setzen Sie sich doch zu uns!
BAHR: Ja so was, was für ein Zufall, die literarischen Stammgäste im Griensteidl anzutreffen! Grüß Sie, Hugo, hallo Poldy! Da geht es einem ja gleich besser, wenn man den dichte¬ri¬schen Nachwuchs Wiens auf einmal an¬trifft.
HOFMANNSTHAL: Ging es Ihnen denn schlecht?
ANDRIAN: Sind doch sicher wieder im besten Konzipieren, das sieht man Ihnen ja von weitem an.
BAHR: Ich denke nur wieder an eure Nervenkunst. Was hätte ich sonst zu tun?
HOFMANNSTHAL: Ja, ja, Sie sind doch ganz und gar unterbe¬schäf¬tigt, lieber Hermann. Wir glauben Ihnen jedes Wort.
ANDRIAN: Ich habe gerade einen Blick in die »Blätter für die Kunst« ge¬worfen. Hugo hat gerade geschaut, was der George aus seinem ›Tizian‹ gemacht hat. Sie kennen den ›Tizian‹?
BAHR: Natürlich. Schnitzler und ich waren ganz fassungslos, als Hugo ihn uns das erste Mal vorgelesen hat.
ANDRIAN: Wußten Sie übrigens, daß es darin auch eine Szene zwi¬schen Gianino und Desiderio gibt, die Hugo für die Pu¬blikation zurückgehalten hat?
HOFMANNSTHAL: Hör auf, Poldy! Wie kommst du jetzt drauf? Langweil’ den Hermann doch nicht da¬mit! Es hat ja sei¬nen Grund, warum ich’s nicht veröffent¬licht sehen woll¬te.
BAHR: Unsinn, das würde mich natürlich brennend interessieren. Her damit!
ANDRIAN: Gesprochen ist ja nicht gedruckt! Du hast deinen ›Ti¬zian‹ doch dabei. Also, warum lesen wir – –?
BAHR ihn unterbrechend: Das wäre wunderbar: eine unterdrückte Szene aus dem Manuskript.
HOFMANNSTHAL leicht überredet: Nun denn, warum nicht! Für ir¬gendwas soll diese Szene ja auch gut sein.
ANDRIAN: Dann also los: ich den Desiderio und du natürlich den Gianino, den sechzehnjährigen. Mit Augenzwinkern: Der über alle Maßen schön ist.

Sie rücken zusammen, um den Text gemeinsam gut lesen zu können.
Beide lesen nicht ohne Koketterie, ANDRIAN, indem er arrogant in den Raum blickt, HOFMANNSTHAL mit charmanten Seitenblicken.

ANDRIAN: Doch stets an dir erblickt ich nur Gebärde.
HOFMANNSTHAL: Man spricht manchmal am besten nicht mit dir.
Zuweilen findest du wie ein Vergnügen
Daran, Abgründe sinnlos aufzureißen.
Du bist so anders wie die andern.

Währenddessen kommt im Hintergrund auf einer anderen Ebene ein JUNGER HERR, der an BUI erinnert, mit gelben Schuhen von links
und bald darauf ›ein KLEINER NEGER in Gelb,
behängt mit silbernen Schellen‹ von rechts.

ANDRIAN: Und du in tausend Masken unerkannt,
Von einer Stimmung nach der andern hastend,
Erfaßt von keinem, jedem doch verwandt,
An jeder Seele ohne Ehrfurcht tastend,
Mit aller Kunst des schlangenhaften Windens. –
Der liebt nur sich, der allzu viele liebt,
Und keinem gibt, wer jedem etwas schenkt.
HOFMANNSTHAL: Du, du bist eifersüchtig, du auf mich!
Doch laß du quellen, was du nimmer stillst!
Ich kann nicht anders, jeder zieht mich an
Und jedem geb’ ich, was ich geben kann.
Ich kann nicht anders. Jedem muß ich schmeicheln
Und wen ich traurig seh’, den muß ich streicheln,
In seine liebsten Träume jeden wiegen.
Ich brauche Menschen, mich an sie zu schmiegen.
Allein in deinem Blick, dem prüfend herben,
Da liegt ein Vorwurf immer und ein Klagen.
ANDRIAN: Nein. Das verstört das ruhige Entsagen.
Nur noch ein traurig hoffnungsloses Werben,
Und dieses letzte geht wohl nächstens sterben.
HOFMANNSTHAL: Ich bin nun so.
Als Kind da war ich über nichts so froh,
Als wenn nur eine rechte ganze Schar
So wie ein Hofhalt, weißt du, um mich war.
Ich wollte immer jedem etwas schenken
Und wenn ich nichts mehr hatte doch versprechen;
Es sollten immer alle an mich denken,
Und alle sollten immer von mir sprechen.
ANDRIAN zu BAHR gewandt: Desiderio geht ab.
HOFMANNSTHAL: Mich ergreift
Sein Wesen manchmal unbegreiflich tief,
Wie wenn er, was in meiner Seele schlief
Und unbewußt verwelkt, so wie es reift,
Aufscheuchte, flüsternd und mit starken Blicken
Und Dinge weckte, die wir sonst erstickten.

Nach einer Pause, in der er weiterblättert.

BAHR: Schade irgendwie, daß gerade diese Worte jetzt nicht in den ›Blättern‹ stehen.
HOFMANNSTHAL: Das finde ich gar nicht.
ANDRIAN: Das ist doch famos, nicht wahr?
BAHR: Ganz und gar. Ein Trauerspiel bloß, daß das größere Pu¬blikum für dergleichen Subtilitäten leider zu stumpf ist ...
HOFMANNSTHAL, auf die Uhr blickend: Um Gottes Willen! Gleich Mitternacht – und muß doch morgen in aller Früh schon auf! Seid’s mir nicht bös’! Jetzt bin ich pressiert. Bis mor¬gen! A bientôt! Ab.

Fünfte Szene im Griensteidl
BAHR und ANDRIAN allein.

BAHR: Das war ja jetzt ein schneller Abgang. Geradezu mit einer Comtessenentschuldigung.
ANDRIAN: War ihm wohl peinlich zu sagen, daß er morgen früh eine Prüfung hat.
BAHR: Ich vergesse manchmal, wie blutjung ihr ja noch seid. Es erstaunt mich immer noch, aber natürlich freudig, daß nun eine Zeit angebrochen ist, in der die Jungen mitunter mehr wissen und empfinden als die ältere Generation.
ANDRIAN: So alt sind Sie ja dann auch wieder nicht.
BAHR: Fein gesagt! – Aber sagen Sie, hat er denn diese George-Ma¬nie noch immer nicht überwunden?
ANDRIAN: Ich denke, daß wird wohl nie der Fall sein, oder zu¬mindest wird sie noch lange fortwirken. Ich glaube, Hugo ist zuinnerst davon überzeugt, daß sein Künstlertum durch die¬se Begegnung eine entscheidende Wendung ge¬nommen hat.
BAHR: Immer wieder taucht dieser seltsame Rheinländer in Hu¬gos Arbeiten mal mehr mal weniger versteckt auf. Denken Sie nur an die Stelle in ›Der Tor und der Tod‹.
ANDRIAN: Ich erinnere mich jetzt gerade nicht.
BAHR: Ich hab’s mir notiert, weil ich ihn darauf ansprechen woll¬te.
Kramt einen Zettel hervor.
DIE STIMME: Ich hab’ dich, sagtest du, gemahnt an Dinge,
Die heimlich in dir schliefen, wie der Wind
Der Nacht von fernem Ziel zuweilen redet ...
O ja, ein feines Saitenspiel im Wind
Warst du, und der verliebte Wind dafür
Stets eines andern ausgenützter Atem,
Der meine oder sonst. Wir waren ja
Sehr lange Freunde. Freunde?
ANDRIAN: Tja – wie er sein George-Gedicht in den Mund dessen legt, den er: »Der Mann« nennt, sodaß er dadurch zum George wird. – »Freunde?! « – Fast schaudert mich dabei. – Und nennt die Figur einfach nur: »Der Mann«.
BAHR: Verstehen Sie, warum dieser George so mächtig ist, zu¬min¬dest in seinem Umfeld?
ANDRIAN: Wenn ich ehrlich sein soll: nicht ganz. Aber eins wür¬de mich dennoch selbst sehr reizen: diesem Kreis von Jünglingen eine Zeitlang anzugehören.
BAHR: Und ihn dann am Ende nicht mehr – oder zumindest nicht mehr unbeschadet – verlassen zu können – –
ANDRIAN: Meinen Sie?
BAHR: Was man so hört, klingt nicht gerade, als ob dort große Freiheit herrschte. George – der Meister, wie es heißt, ab¬solute Botmäßigkeit, um nicht zu sagen: bedingungslose Unterwerfung. Ein künstlich-künstlerisches sadistisch-ma¬sochistisches Spiel offenbar!
ANDRIAN: So – –
BAHR: Hat Ihnen Hugo übrigens von seinen Ängsten im letzten Winter erzählt? Daß er sogar den Felix Salten bei einem Treffen mitgenommen hat, um mit George nicht allein sein zu müssen? – Auch nicht von der Duellforderung?
ANDRIAN: Wie, bitte?!
BAHR: Ja, ja, so weit ging’s fast. Bis Hugos Vater intervenierte und George einen Brief schrieb mit der Aufforderung, von sei¬nem Sohn Abstand zu halten, sonst …
ANDRIAN: Um Gottes Willen! Armer Hugo!
BAHR: Am peinlichsten aber waren für ihn die Ro¬sen.
ANDRIAN: Was für Rosen?
BAHR: Das hat er Ihnen also auch nicht erzählt … George ließ ihm ein ganzes Bouquet Rosen bringen.
ANDRIAN: Nein!!
BAHR: Und wissen Sie wohin?
ANDRIAN: Keine Ahnung.
BAHR: Geradewegs zum Platz vor dem Beethoven-Denkmal.
ANDRIAN: Das kann doch nicht sein. Sie meinen tatsächlich, George hat ihm Rosen direkt zum Akademischen Gymna¬sium bringen lassen?
BAHR: Genau das.
ANDRIAN: Unglaublich! Hugo muß ja vor Scham in den Erd¬bo¬den versunken sein in Gegenwart seiner Lehrer und mehr noch seiner Kommilitonen.
BAHR: Das können Sie sich denken.
ANDRIAN: Eine erschreckende Art, jemanden für sich gewin¬nen zu wollen, indem man ihn vor aller Welt lächerlich macht.
BAHR: Sie sagen es. – Aber ein bisserl ist Hugo natürlich auch selbst schuld.
ANDRIAN: Wie meinen Sie das?
BAHR: Er kokettiert bisweilen mit seiner Androgyni¬tät. Und weiß sehr wohl, daß es genug Männer gibt, die so etwas verwir¬ren kann. Gustav Schwarzkopf hat er einmal geschrieben oder gesagt, daß es ihm wohl klar sein müsse, daß er kein junges Mädchen sei, neu vielleicht, daß er das bedauere.
ANDRIAN: Herzig!
BAHR: Finden Sie wirklich?
ANDRIAN: Lieber Hermann, was stört Sie nur daran?
BAHR: Prinzipiell gar nichts. Ich finde es gut, wenn die mensch¬liche Seele ehrlicher zu sich wird. Wenn das einmal das einzige Verdienst unserer modernen Zeit gewesen sein soll¬te, so wäre ich schon zufrieden. Nur, Poldy, glauben Sie, daß er auch wirklich ehrlich ist, der Welt gegenüber oder auch nur gegen sich?
ANDRIAN: Wer ist das schon?
BAHR: Aber wenn schon die Jugend nicht ehrlich ist, wie soll da ein neuer Geist entstehen? Ich finde halt, daß wir nach einem Jahrhundert sexueller Unterdrückung nun endlich ehrlich zu Leib und Seele sein sollten. Das ist eine der wesentlichen Aufgaben der Moderne.
ANDRIAN: Es lebe der befreite Leib, die sündige Seele!
BAHR: Und gerade Hugo gehört zu denen, die am tief¬sten emp¬finden. Er weiß mit zwanzig mehr als eure Väter und Großväter nach einem langen Leben.
ANDRIAN: Und weiter?
BAHR: Nichts weiter, als daß ich unermüdlich auf ihn baue und das Höchste erhoffe.
ANDRIAN: Also wollen Sie, überaus geschätzter und hoch verehr¬ter Hermann, mir meinen lieben Hugo nicht schlecht ma¬chen?
BAHR: Aber, Poldy, wo denken Sie hin? Nichts liegt mir ferner. Wenn unsere Clique mit euch beiden, Salten, Schnitzler und Beer-Hofmann nicht mehr zusammenhält, was soll dann aus unserem geliebten Jung-Wien noch werden?
ANDRIAN: Nun dann lassen Sie ihm seine herzigen Comtessenal¬lüren und seine androgynen Spielereien! Vielleicht ist das eben der Kern seiner Poesie, und wenn Sie ihm das ausre¬den, hört er am Ende auf, Verse zu schrei¬ben, und wird ein stinknormaler Durchschnitts¬mensch, im besten Fall ein halbwegs anständiger Gelehr¬ter. Würde Ihnen das rei¬chen?
BAHR: Sie sind womöglich ein größeres Schlitzohr, als ich ge¬dacht habe.
ANDRIAN: Danke für das reizende Kompliment. – Also bis bald, lieber Hermann!
Im Abgehen mit herzlichem Amüsement:
Wie gut jedenfalls, daß unser lieber Hugo kein junges Mäd¬chen ist, – aber wie herrlich, daß er das zugleich be¬dauert …

Erste Szene in Alt-Aussee
HOFMANNSTHAL an eine große Erle gelehnt, ANDRIAN sitzt davor auf einer Bank, sodaß sie einander zuerst einmal nicht direkt sehen können. Seitlich längs zum Zuschauerraum ein bäuerlicher Holzbrunnen.
BUI, ganz in weiß gekleidet, meistens auf der Bühne, aber von den beiden nicht wahrgenommen. Seine Bewegungen in Zeitlupe, sodaß das Muskelspiel umso deutlicher wird. Er ist vor allem ein wunderbarer Anblick ...

ANDRIAN: Was wäre der Ausseer Sommer ohne dich und die Ge¬¬spräche mit dir!
HOFMANNSTHAL: Weißt, was mir besonders gefällt an unserer Partie?
ANDRIAN: Na?
HOFMANNSTHAL: Daß wir ein bisserl wie die Erben vom Schu¬bert-Kreis sind.
ANDRIAN: Ja?
HOFMANNSTHAL: Wir wohnen zwar alle in verschiedenen kleinen Häu¬sern an der Berglehne über unserem schönen See, essen und nachtmahlen aber bald bei dem einen, bald bei dem an¬dern, lesen zusammen englische Gedichte, Cle kompo¬niert kleine Lieder, die ich in Marienbad gemacht habe.
ANDRIAN: Und Mittags fahren wir im Boot hinaus und baden, der Schle¬singer Hans bleibt im Boot sitzen und skizziert uns oder die Bäume am Ufer.
HOFMANNSTHAL: Bis tief in die sternenhellen Nächte hinein ge¬hen wir spazieren oder sitzen auf dem Geländer von ei¬nem Bauerngarten und reden miteinan¬der.
ANDRIAN: Ja, und die Leu¬te, die uns begegnen, kennen uns und sind alle in einer gewissen Weise hier zuhause.
HOFMANNSTHAL: Ich weiß wirklich, wenn ich auch viel trübe und düstere Jahre erleben müßte, ich dürfte nie kla¬gen, daß mein Le¬ben arm war, da ich einmal die Gegen¬wart eines solchen Daseins erlebt habe, und schon öfters früher. Nur früher war ich nicht so dank¬bar, jetzt aber, seit der Zauberkreis der ersten Jugend über¬schritten ist, bin ich es mehr.
ANDRIAN: Ist der Zauberkreis schon überschritten? Du machst mich ja ganz traurig. Hast es denn gar so eilig, älter zu werden?
HOFMANNSTHAL: Ja, wenn es nicht von alleine käme – –
ANDRIAN: Du bist ja heute richtig sentimental. Gefällt’s dir am Ende nicht in Aussee, wo du doch gerade erst angekom¬men bist?

BUI geht zum Brunnen, benetzt sich die Lippen,
spiegelt sich womöglich an der Wasseroberfläche.

HOFMANNSTHAL: Ich muß dir was gestehen: ich denke, daß ich ein bis¬serl épris bin. – »épris« für verliebt ist doch ein sehr gutes Wort. In dem é steckt das durch und durch ein¬ge¬nommene, aus allen Wurzeln herausgerissene des Zu¬standes, dieses Tragische auf nichts als auf eins ge¬stellt sein.
ANDRIAN: Mich freut es sehr herzlich für dich, daß du »épris« bist – denn dieser Anfang (épris ist eigentlich der Anfang) in der Liebe ist das schönste und melancholischste und künstlerischste am Ganzen, glaube ich – denn das geht so schnell und unwiederbringlich vorüber, dieses Stadium, in dem man ganz erfüllt ist vom Parfum dieser Person, die für einen neu ist, und jede Kleinigkeit etwas Überraschen¬des und Schönes für uns ist.
HOFMANNSTHAL: Wir sind beide sehr hilflos. Auch Freunde kön¬nen wir wohl eigentlich nicht heißen. Aber daß du auf der Welt bist, macht das Leben für mich besser.
ANDRIAN: Manchmal habe ich schon Angst gehabt, daß wir über kurz oder lang das Gefühl für¬einander verlieren könnten.
HOFMANNSTHAL: Daß wir jemals das Gefühl füreinander ver¬lie¬ren sollten, kommt mir so unnatürlich vor, wie wenn man das Gefühl für die Nacht, für den Tod oder für das Leben über¬haupt verlöre. Nur wer¬de ich manchmal an dem oder jenem in deinem We¬sen irre, aber deswegen nie am ganzen Wesen.
ANDRIAN, die Arme nach einem nahen Ast ausstreckend, der fast an die Bank heranreicht: Du bist viel weiser, also besser und glück¬licher als ich.
HOFMANNSTHAL: Oft schon hat es mir Sorgen be¬reitet, wie un¬endlich schwer dir mitunter das Leben ist.
ANDRIAN, nervös an Blättern zupfend: Du mußt noch viel mehr Mit¬leid mit mir haben, wenn du bedenkst, daß ich der Aller¬einsam¬ste deswegen bin, weil ich in das eine Reich als Mensch des anderen Reiches gebo¬ren oder hineingera¬ten bin.
HOFMANNSTHAL: Bedrückt es dich sehr, so zu sein?
ANDRIAN: Der Schlesinger Hans war in der Zeit nach dem Gym¬nasium ähnlich wie ich, zwischen Höhe und Tiefe hin- und hergeworfen.
HOFMANNSTHAL: Legst du da jetzt nicht zu viel Nervenromantik hinein?
ANDRIAN: Und du bist so stark, alles alleine zu schaffen?
HOFMANNSTHAL: Eine andere Phase! Das Haben und Nicht-Ha¬ben des Sinnlichen …
ANDRIAN: Ich befürchte fast, daß du dir damit selber etwas einredest.
HOFMANNSTHAL: Über unfruchtbare Phasen muß man hin¬aus – oder sie zu etwas anderem machen!

BUI taucht hinter der Erle auf, erklimmt sie und pflückt dann einige an der Unterseite silbrige Blätter, die er über HOFMANNSTHAL wie einen Silberregen fallen läßt, der es aber nicht bemerkt.

ANDRIAN: Daß du über diese Periode »hin¬aus« bist, glaube oder hoffe ich nicht.
HOFMANNSTHAL, indem er einen Zweig bricht: Es muß nun einmal so sein.
ANDRIAN, den Stamm hinter sich streichelnd: Heißt das, es stiege nun nicht mehr in dir auf, obwohl sein Antlitz mit Träumen ganz beladen? Vorbei also all diese Dinge und ihre Schönheit – die unfruchtbar war – der du dich in großer Sehnsucht hingabst ... ganz hingabst ...? – Für das Anschaun von seinem Haar und zwischen seinen Lidern diesen Glanz?
HOFMANNSTHAL: Was für eine Paraphrase, beinahe wahrer als mein Original vom letzten Winter ...
ANDRIAN: Da hast du dir den Frühling noch vorgezaubert.

BUI sitzt nun weiterhin von den beiden unbemerkt im Hintergrund
und blät¬tert in einem Buch. – Nach einer Pause.

HOFMANNSTHAL: Mir ist Buis Leben immer durch¬sich¬tig, wie ein hel¬les, reines Wasser, und ich hoffe, das wird auch so blei¬ben, bis an das Ende unseres Lebens.
ANDRIAN: Es geht mir ganz wie dir. – Das ist mir übrigens ge¬rade eben deshalb besonders aufgefallen, weil der Bubi mit uns draußen ist, der aufs Land viel besser paßt als in die Stadt; die unvergleichliche Art, wie er wieder ist, hat mich an letztes Jahr in Aussee erinnert und an die Zeit, als ich in ihn verliebt war. – –
HOFMANNSTHAL: Warst?

BUI hat das Buch weggelegt und sich ins Gras gebettet.
Er spielt mit gelben Blumen, die er durch die Finger gleiten läßt, steckt bisweilen ein Kleeblatt in den Mund und saugt daran.

ANDRIAN: Vielleicht hast recht. – Ich kenne noch immer keinen Menschen, der so absolut ursprünglich schön ist ohne je¬des Zeitliche oder Unbeständige; niemand, der so schön nackt oder in der Natur ist, niemand, bei dem es so schön ist, wenn er trinkt, spricht oder schläft.
HOFMANNSTHAL: Ich bin nicht gern oft mit ihm zusammen, weil ich mich fürchte, ihn zu langweilen.
ANDRIAN: Daß gerade wir uns davor fürchten müssen, jemanden zu langweilen!
HOFMANNSTHAL setzt sich neben ANDRIAN, ohne ihn anzusehen; sie blei¬ben also auch so irgendwie voneinander getrennt: Ich sagte ihm, ich habe nichts Wichtigeres, als eine Stunde mit ihm zu¬sammen zu sein. – Ich bereu’ es nun schon.
ANDRIAN: Aber geh! Warum stehst nicht dazu? –
Ich komm’ und bring’ dir deine blonde Jugend,
Das Gold des Haars verblieb in meinem Herzen. –
Paßt das nicht für unseren Bubi? Bei Sully-Prod¬hom¬me heißt es:
»Je viens vous offrir votre jeunesse blonde
Tout l’or de vos cheveux est resté dans mon coeur.« –
HOFMANNSTHAL lächelt einvernehmlich und blickt dann in Richtung Brunnen: … touché!

Nach einer Pause.

ANDRIAN: Bubi ist jetzt, wie du weißt, nicht der Einzige für mich, aber doch auf eine beständige Art in mir; ich bin froh, daß ich ihn wieder mag, und vor allem froh, daß er es diesmal nicht erfahren wird; ich bin ihm natür¬lich auch ganz gleichgültig. Und dennoch macht es mich manch¬mal so traurig.

BUI legt das Buch weg und geht, bis zum Schluß von beiden unbemerkt, ab.

HOFMANNSTHAL: Anstatt dich zu freuen, daß du so empfinden kannst und wo wir doch alle zusammen sind, wo ich da bin, um dich ein bisserl hochzuheben, so ich nur kann … – – Nein wirklich: eine Libelle kann manchmal ein schwermütiges Kalb auf dem Rücken herumtragen, aber nicht beständig.
ANDRIAN: Das verlangt auch das Kalb nicht von dir, du zierliche Libelle. – Aber sind Libellen wirklich so gefeit vor den Verlockungen und Verirrungen der Liebe? Machst du mir und vor allem dir selbst nicht vielleicht etwas vor? Ist nicht deine frühere Neigung zu Edgar und deine offen¬sichtlich noch immer bestehende zu Bui so etwas wie eine amitié amoureuse?
HOFMANNSTHAL: Wie du das sagst!

Nach einer Pause.

ANDRIAN: Was deinen Seekadetten Edgar und unseren Bui an¬geht, mußt du also jetzt ohne Sehn¬süchte weiterträumen.
HOFMANNSTHAL: Ich baue mein Leben nie auf einen Menschen auf, und – nur anders – bekümmerst du mich gerade so stark wie der Bubi.
ANDRIAN, aufstehend und sich mit dem Gesicht zum Baum wendend: Es ist nur leider wahr, in den schlechtesten Augenblicken war ich – moralisch und physisch – allein.
HOFMANNSTHAL: Ich habe dich lieber, als du weißt. – Nur eines darfst du nie vergessen: wer seine Sehnsüchte auslebt, der wird womöglich für die Kunst taub.
ANDRIAN sehr aufmerksam: Du meinst, ich werde als Dichter ver¬stummen, wenn ich mein Leben lebe? Das wäre der Preis fürs Künstlertum? Glaubst am Ende, es kommt nichts mehr nach meinem ›Garten der Erkenntnis‹?
HOFMANNSTHAL, als ob er es nicht gehört hätte: Ich will die Fülle ha¬ben, die mir die Sehnsucht gibt. Ich will die Augen schlie¬ßen können, bis meine eigenen Bilder mich überwälti¬gen, hineinfallen in die Welt der Träume, als wär’ ich das kleine Mädchen mit den Streichhölzern von Andersen, das sich die Wärme in sich selbst erschafft, wenn’s rund¬herum halt gar so kalt ist. Denn Dichten heißt die Welt wie einen Mantel um sich schlagen und sich wärmen.
ANDRIAN: Und ich suche halt nichts als das Leben; und die Wär¬me im Leben, die ist meine Sehnsucht. Das Leben ein Gedicht! Aber nicht so, daß man immer herumgeht und an sich selbst dichtet, statt es zu leben. Wie wär’ das in¬haltslos, leer, leer, leer. Wenn es nur über einen kommen wollte – Leben, Liebe, Leidenschaft –, sodaß man nicht mehr dichten kann, sondern daß es dichtet mit einem!
HOFMANNSTHAL: Es führt von der Poesie kein direkter Weg ins Leben, aus dem Leben keiner in die Poesie. Sie ist die Sprache für das Unausgesprochene in uns, in unsrer Zeit.
ANDRIAN: Die Poesie, sie ist gesteigerte Sprache. Sie ist voll von Bildern und Symbolen. Sie setzt eine Sache für die andere.
HOFMANNSTHAL sichtlich erregt: Welch ein häßlicher Gedanke! Sagst du das im Ernst? Niemals setzt die Poesie eine Sache für eine andere. Wenn die Poesie etwas tut, so ist es das: daß sie aus jedem Gebilde der Welt und des Traumes mit durstiger Gier sein Eigen¬stes, sein Wesenhaftestes heraus¬schlürft, so wie jene Irr¬lichter in dem Märchen, die über¬all das Gold heraus¬lecken.
ANDRIAN: Ist es so, daß die Poesie niemals eine Sache für eine andere setzt?
HOFMANNSTHAL: Niemals tut sie das. Wenn sie das täte, was wollte sie dann neben der gemeinen Sprache? Verwir¬rung stiften? Papierblüten an einen lebendigen Baum hängen? – Es sind halt Chiffren, welche aufzulösen die Sprache ohnmächtig ist.
ANDRIAN: Und diese Chiffren hätten nichts zu tun mit uns, mit unserem Leben und unserem Lieben?
HOFMANNSTHAL: Man hat den Begriff der Dichtung erniedrigt zu dem eines verzierten Bekenntnisses. Ich weiß, was das Le¬ben mit der Kunst zu schaffen hat. Ich liebe das Leben, vielmehr ich liebe nichts als das Leben. Deshalb liebe ich es nicht, daß man gemalten Menschen elfenbeinerne Zäh¬ne einsetzt und marmorne Figuren auf die Steinbänke eines Gartens setzt, als wären es Spaziergän¬ger. Man muß sich abgewöhnen, zu verlangen, daß man mit roter Tinte schreibt, um glauben zu machen, man schreibe mit Blut.
ANDRIAN: Muß ich also aufs Leben verzichten – für die Kunst? Muß ich Asket sein, um Dichter bleiben zu kön¬nen? Lieber – – ein abgehobener kalter George werden?
HOFMANNSTHAL: Nicht so! Dem fehlt ja, was das Mensch¬sein menschlich macht: die Kunst schließt das Liebhaben doch nicht aus. Nur ein Mensch darf ei¬nem anderen nicht alles sein: das macht ihn schwach und läßt ihn ganz ver¬kümmern. – Der Dichter aber gleicht dem Seismo¬graphen, den jedes Beben, und wäre es auf Tausende von Meilen, in Vibrationen versetzt. Es ist nicht, daß er unaufhörlich an al¬le Dinge der Welt däch¬te. Aber sie denken an ihn. Sie sind in ihm: so beherrschen sie ihn.

Nach einer Pause.

ANDRIAN: Es war ja wohl Unsinn und Ungerechtigkeit, weil ich das Bedürfnis nach Etwas hatte, mein Recht darauf zu deduzieren: Warum hättest du mir etwas Vollstän¬diges sein sollen? Es ist schön und unverdient, daß du mir das bist, was du mir bist.
HOFMANNSTHAL: Mein lieber, alter Poldy, könnt’ ich dich wieder öfter so wie jetzt da haben und nur ein bißchen fühlen, daß du dich wohlfühlst, daß du spürst, daß man dich gern hat. – Das Leben wird dir ja doch nicht viele Men¬schen bringen, die so viel Organ, dich zu fassen, und so viel Neigung, dich zu begreifen, haben wie ich.
ANDRIAN, die Hand den Stamm entlang in Richtung HOFMANNSTHAL aus¬streckend, leise: Behalte mich lieb, wie ich dich lieb habe!

Pause.

Wie in einem Traum …
Aus dem Dunkel rechts schiebt sich, vom Hals bis über die Knöchel in einen dunklen Mantel gehüllt, eine Gestalt hervor, deren helles Haupt GERTY VON HOFMANNSTHALS Züge trägt: der Knabe AGMAHD. Die Gestalt hält ihm einen Schlüssel hin. Aus einem Spalt im Gestein, nicht größer als ein Schlüsselloch, im Hintergrund, bricht ein starker Lichtstrahl.
Eine Männergestalt, die dem jungen HOFMANNSTHAL ähnelt, zieht es nach dem Lichtstrahl, an die geheimnisvolle Tür. Sie steckt den Schlüssel ein. Die Tür springt auf. Blendender Glanz schlägt heraus.
Man hört erst die Stimme des älteren, dann aber nur noch die des jüngeren HOFMANNSTHAL.

DIE STIMME DES ÄLTEREN HOFMANNSTHAL flüsternd, mit Betonung der Zischlaute: Leuchte, Schlüs¬sel, Saat – – Gift!

Nach einer Pause

GERTYS STIMME: Ich fleh’ dich an, verschon’ mich nicht, sag alles!
Du hast ein Weib in einem andern Land?
DIE STIMME DES JUNGEN HOFMANNSTHAL aufgestemmt auf dem Rasen wie ein Kranker im Bett:
Kein Weib auf Erden, das zu mir gehört!
Mißhör’ mich nicht, komm näher her zu mir!
GERTYS STIMME: Du bist krank.
HOFMANNSTHALS STIMME:
Versteh’ mich doch. Es ist nicht bloß in mir:
Gemeinschaft hat’s mit Anderem, das draußen!
Ist eine Welt wie eure, stärker, größer;
Die Sterne sind ihr untertan, die Zeiten.
Zu der gehör’ ich. Sieh, ich meinte auch,
Ich wähnte ja, man könnte ihr entrinnen.
Allein sie legt den Körper und den Geist
An ihre Ketten. Wollt’ ich ihr Geheimnis
Hinunterschlingen, es zerfleischte mir
Mein Inneres und bräch’ aus seinem Käfig.
Könnt’ ich’s vergessen, mir’s vom innern Aug’
Wegblenden, sieh’, dann wär’ ich selber nichts,
Gar nichts mehr, dies war alle meine Macht.
Ich wollt’ es ja vergessen, wollte atmen
An dir, bei dir nur diese süße Luft.
Es ließ mich auch, es ließ mich, aber gestern
Sprang’s aus dem Dunkel vor und nahm mich wieder
Und drückte mir den Schlüssel in die Hand –
Er schaudert.
GERTYS STIMME: Hab’ Mitleid mit dir selber! Welchen Schlüssel?
HOFMANNSTHALS STIMME (geheimnisvoll):
Den, der die erste äußre Tür aufschließt.
GERTYS STIMME: Nein, Elis, nein:
Das weiß ich wohl, daß ich mit meiner Lieb’
Und meinem Leib und allem, was ich bin,
Dich niemals halten kann, dich nie, für den
Dies Leben hier nicht alles ist, wie mir.
Ist dir, du hättest Lust an mir? Da träumst du!
Was sollt’ ich tun, was lassen, dich zu halten?
Daß du’s nicht bist! Daß du noch anders bist!
Und wer du seist und wie du mich zerstörst,
Solang’ du hier willst bleiben, bin ich dein.
Mein Herz zerreißt, doch niemand soll es wissen.

Erste Szene in Rodaun
Fuchsschlößl
Grüner Salon mit bemalten Wänden.
GRÄFIN VON DEGENFELD-SCHONBURG (sie trägt ein Kleid, das mit zarten gelben Rosen bestickt ist) und GERTY VON HOFMANNSTHAL
sitzen im Wohnzimmer und trinken Tee.

GRÄFIN VON DEGENFELD: Wie wunderbar, daß ich nach so vielen Jahren, in denen wir uns nicht mehr gesehen haben, ge¬rade zur Kirschblüte wieder bei euch sein darf.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Wir haben das Fuchsschlößl in all den Jahren schon sehr lieb gewonnen. – Wie schade, liebe Ottonie, daß du heute bereits wieder abreist.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Schloß Hinterhör wartet auf mich – und vor allem natürlich die arme Julie, die ganz allein dort sitzt, seit un¬sere Kleine weggeheiratet hat. Da muß ich halt zu¬rück, so schön es bei euch auch ist.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Ich bin so glücklich, daß wir so gu¬te Freundinnen geworden sind.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ja, und das, obwohl – –
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Obwohl – –?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Obwohl es doch einmal so ausgesehen hat, als ob wir geradezu Nebenbuhlerinnen wären.
GERTY VON HOFMANNSTHAL lächelnd: Mein Gott, das ist aber schon lange her.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ja, ja! Die ›Rosen¬kavalier‹-Zeit!
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Da war ich vielleicht wirklich ein bisserl eifersüchtig, als der Hugo dir in jenem Frühling gar so den Hof ge¬macht hat.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Er wollte halt auch gern einmal den Casanova spielen und den Witwentröster geben.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Freilich hat man ja als dreifache Mutter kaum die Mög¬lichkeit, einem verliebten Ehemann hin¬ter¬herzufahren. Es wäre also dumm gewesen, ihm nach¬zu¬spionieren oder gar seine Sehnsucht zu verstärken, indem ich ihm eine Szene gemacht und Bedingungen gestellt hät¬te. Nicht wahr?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ich hoffe, Gerty, er weiß, was er an dir hat.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Von Zeit zu Zeit wird er’s schon wissen, denk’ ich. – Ein Grund, warum ich die Ei¬fersucht so schnell begraben konnte, war: Du warst halt zugleich das Nach¬spiel zum ›Rosenkavalier‹ und als Muse Vorspiel und Hauptgang der ›Ariadne‹.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Wie du das sagst …
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Na immerhin hat er sich für dich zum Harlekin gemacht.
DIE STIMME: Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen,
Alle Lust und alle Qual …
Leben mußt du, liebes Leben,
Leben noch dies eine Mal!
GRÄFIN VON DEGENFELD: Vielleicht hat mir das ja wirklich ge¬hol¬fen. Aber Hugo hat ja nicht nur den Harlekin gege¬ben, sondern auch den Bacchus, von dem Ariadne doch erst glaubt, daß er der Tod oder zumindest der Todesbote Hermes sei – und ist doch das Leben und ist die Liebe. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich die ›Ariadne‹ so sehr liebe.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Nein, nein, die liebst du schon, weil Hugo sie im Grunde für dich geschrieben hat.
GRÄFIN VON DEGENFELD lächelt.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Ich habe mittlerweile gelernt, daß eine Muse mit ihrem Dichter eben nicht ständig unter einem Dach le¬ben kann. Sie muß weit weg sein, damit sie ihn inspiriert – oder vielleicht sogar unerreichbar, wie du es ja für ihn letztlich warst.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Unerreichbar, vielleicht, und doch ha¬be ich nie wieder geheiratet; bin doch eine Ariad¬ne ge¬blie¬ben.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: »Die eine unter Millionen, die Frau, die nicht vergißt.«
GRÄFIN VON DEGENFELD: Das also waren deine Gründe, weshalb du am Schluß deine Eifersucht bekämp¬fen konntest?

Nach einer Pause.

GERTY VON HOFMANNSTHAL: Meine liebe Ottonie, da ist etwas, worüber ich bisher außer mit meinem Bruder Hans noch nie mit jemandem geredet habe. – Du kennst ihn?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ich hatte leider nie die Ehre.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Mein Bruder Hans ge¬hörte mit Pol¬dy von Andrian, den Gebrüdern von Fran¬ckenstein und den Gebrüdern Karg von Bebenburg zu Hugos intimen Ju¬gend¬freunden. Zieht sie zu sich hin.

Diese Szene verdunkelt nun zugunsten der folgenden.

Zweite Szene in Alt-Aussee
Wieder (wie alle Alt-Aussee-Szenen) dreißig Jahre früher als die vorige Szene. LEOPOLD VON ANDRIAN, HANS SCHLESINGER, GEBRÜDER FRANCKENSTEIN, GEBRÜDER KARG VON BEBENBURG und HOFMANNSTHAL.

CLEMENS FRANCKENSTEIN: Hugo, endlich ist er da!
HANNIBAL KARG: Der Tag wollte heut’ gar nicht vergehn.
SCHLESINGER: Auch die Gerty hat sich schon dauernd nach dir erkundigt. Ich glaub’, sie ist richtig aufgeregt.
HOFMANNSTHAL: Wie bin ich froh, daß wir jetzt alle wieder bei¬sammen sind! Er gibt CLEMENS VON FRANCKENSTEIN und HANS SCHLESINGER die Hand, berührt HANNIBAL KARG VON BEBENBURG am linken Oberarm, EDGAR KARG VON BEBENBURG will ihn umarmen, – aber er bleibt indes vor BUI (GEORG VON FRANCKENSTEIN) einen Moment unschlüssig stehen, will ihm über das Haar fahren, läßt den Gedanken aber sofort wieder fallen, versucht ihm nur eine Weile in die Augen zu sehen.
BUI, die Augen niederschlagend und die Hand reichend: Servus, Hugo!
HOFMANNSTHAL: Wie schön, wie gut – daß ich euch alle wieder habe!
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Und wie lief’s in Berlin mit deiner ›Frau im Fenster‹?
HOFMANNSTHAL: Otto Brahm hat mir im Deutschen Theater den roten Teppich ausgelegt. Er war zu rührend. Das Publi¬kum angenehm. Insgesamt war ich recht angetan.
EDGAR KARG: Nur angetan?
HOFMANNSTHAL: Nun ja, tatsächlich wohl eher furchtbar stolz. Aber das würde ja wie von einem affektierten Dichter klingen …
ANDRIAN: Unser charmanter Hugo, wie er leibt und lebt!
SCHLESINGER: Gerty hat mir aufgetragen, daß ich dir als er¬stes sagen muß, daß ihr zum Abendessen heute alle bei uns eingeladen seid. Die ganze Familie hat dich seit letz¬tem Sommer, als du mit uns von Varese nach Mailand ge¬reist bist, ins Herz geschlossen. Die Gerty freilich war immer ein bisserl eifersüchtig, weil wir beide halt immer z’samm’¬pickt sind. – Das kannst ja beim Abendessen wieder gut machen.
HOFMANNSTHAL: Da kommen wir freilich alle gern, nicht wahr? –Sag, Cle, was ist denn jetzt eigentlich mit deiner Kompo¬sition für die ›Blätter für die Kunst‹ geworden?
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Dein Gedicht würde er wohl lieber bringen als meine Vertonung. Ich sag’ dir, was den George betrifft, so muß der wirklich blöd geworden sein.
HOFMANNSTHAL: Wartet er nicht bereits auf deine Komposition?
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Er antwortet auf drei Briefe gar nicht, als wär’ ich’s nicht wert. – Er ist ein infames Schwein.
HOFMANNSTHAL: Aber Cle!
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Ja, wenn’s doch wahr ist!
ANDRIAN: Ich habe George immer wie einen alternden Herm¬aphroditen empfunden und wieder wie einen Schau¬spie¬ler.
HOFMANNSTHAL: Er ist mir nur halt gerade als Dichter wieder ganz groß in seinem ›Jahr der Seele‹ begegnet: ein unend¬lich schöner Gedichtband.
ANDRIAN rezitiert:
Komm in den totgesagten park und schau :
Der schimmer ferner lächelnder gestade •
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
HOFMANNSTHAL, ihn ablösend:
Dort nimm das tiefe gelb • das weiche grau
Von birken und von buchs • der wind ist lau •
Die späten rosen welkten noch nicht ganz •
Erlese küsse sie und flicht den kranz •
ANDRIAN wieder übernehmend:
Vergiss auch diese lezten astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben •
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
HOFMANNSTHAL: Das ist doch einzig! Noch nie da gewesen!
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Mir sind Hugos Gedichte aber trotz¬dem viel lieber.
EDGAR KARG: Die sind auch nicht so furchtbar kalt wie diese Verse.
HOFMANNSTHAL: Es ist schön. Es atmet den Herbst. Obwohl es kühn ist zu sagen: »der reinen Wolken unverhofftes Blau«, da diese Buchten von sehnsuchterregendem sommerhaf¬ten Blau ja zwischen den Wolken sind. Aber freilich nur an den Rändern reiner Wolken. Nirgends sonst auf dem gan¬zen verschlissenen rauen Gefilde des herbstlichen Him¬mels. Goethe hätte diese »reinen Wolken« geliebt. Und »un¬¬verhofftes Blau« ist tadellos. Es ist schön. Ja, es ist der Herbst. – – Aber Cle, den ›Vorfrühling‹, den du in Musik gesetzt hast, mußt uns halt allen zu Gehör bringen. Also magst ihn uns nicht vorsingen?
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Ich weiß nicht – –
HOFMANNSTHAL: Ach zier dich doch nicht! Wir wollen doch alle ’was davon haben.
CLEMENS FRANCKENSTEIN schaut erst etwas unschlüssig drein, holt dann aber eine Gitarre und singt, sich selbst begleitend [Original-Verto¬nung CLEMENS VON FRANCKENSTEINS]:
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.
ANDRIAN rekapitulierend: Frühlingswind mit seltsamen Dingen, zer¬rüttetes Haar, be¬rührte Lippen – und er glitt durch die Flöte …
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Unser Hugo ist halt ein Wort-Zaube¬rer.
SCHLESINGER hat in der Zwischenzeit eine Flasche Weißwein und Glä¬ser gebracht und schenkt für alle ein: Da stoßen wir jetzt auf un¬seren Cle an – und natürlich auf Hugos erste Urauffüh¬rung, der noch ganz, ganz viele folgen mögen!
ALLE die Gläser erhebend: Hoch Cle, hoch Hugo!
ANDRIAN: Kompliment!
HANNIBAL KARG: Ich würd’ noch gern Tennis spielen. Geh, Ed¬gar, komm, wir wollen mit Hans und Cle ein Doppel hin¬legen!
EDGAR KARG: Aber ich spiel’ ja gar so schlecht. Ich bin doch nicht in der Übung wie ihr Landratten.
HANNIBAL KARG: Aber jetzt sei nicht so! Außerdem: den Cle und den Hans putzen wir doch weg wie nix.
CLEMENS FRANCKENSTEIN: Na hörst!
SCHLESINGER: Das schauen wir uns aber erst einmal an.
EDGAR KARG: Hannsl, frag doch den Bui, der ist ja viel sport¬licher als ich!
HANNIBAL KARG: Aber ich will doch so gern mit dir spielen. Bru¬derherz, sei nicht so! Bist eh so selten da.
EDGAR KARG, sich ungern von HOFMANNSTHAL lösend: Na gut, Bub, aber wirklich nur dies eine Match!

Die Gebrüder KARG VON BEBENBURG, HANS SCHLESINGER
und CLEMENS VON FRANCKENSTEIN ab.
BUI zieht indes sein Hemd aus und schwingt sich dann mit einem Felgeaufschwung auf eine Wäschestange.
ANDRIAN und HOFMANNSTHAL sehen ihm gebannt zu.
Dann wird die Szene ausgeblendet.

Zweite Szene in Rodaun
GRÄFIN VON DEGENFELD-SCHONBURG und GERTY VON HOFMANNSTHAL
treten wieder in den Vordergrund.

GERTY VON HOFMANNSTHAL: Diese herrlichen Ausseer Tage mit den Buben …
GRÄFIN VON DEGENFELD: Edgar – und Bui: der Bub!
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Ja, ja, der Bub! Das ist der Quin-quin. – Und die Marschallin – – ?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ich dachte halt damals im Frühling 1911, als Hugo gar so stürmisch war, er wollte den poeti¬schen Flirt in der Realität erleben.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Zumindest die Poesie ins Leben hinein verlängern.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ach ja?
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Weißt du übrigens, daß er selbst die Heiratsvermittlung am Schluß vom ›Rosenkavalier‹ tat¬säch¬lich, wenn auch erfolglos, ins Leben übertragen woll¬te? – Als Bui mit dreißig Jahren immer noch nicht ver¬heiratet war, be¬mühte sich Hugo um eine Kuppelei über die Gräfin von Nostitz. Er beschrieb seinen Bui natür¬lich in den höch¬sten Tönen, sagte, er gehöre für ihn zu den bestausse¬hendsten jungen Herren, die er über¬haupt in Europa ken¬ne.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Und stimmte das?
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Ja, Bui war wirklich bezau¬bernd. –

Nach einer Pause.

GERTY VON HOFMANNSTHAL: Hugo hat immer viel für’s Andro¬gyne übrig gehabt.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Vielleicht, habe nie darüber nachge¬dacht.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Du selbst hast ja auch früher durch¬aus etwas Knabenhaftes ausgestrahlt. – Edgar hatte das, Bui …
GRÄFIN VON DEGENFELD: Aber Gerty!
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Ich versuche nur mit Hugos Augen zu sehen. Er hat sich ja auch immer nur dann ver¬liebt, wenn er der Überlegene zu sein glaubte. Drum hat ihn ja auch der vereinnahmende George so er¬schreckt. Hugo will halt immer der Gebende sein.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Er war, denk’ ich, gerade auch bei mir der Gebende.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Hugo braucht so jemanden um sich, der ihn in keiner Weise fordert, der einfach nur da ist und nur ja nicht zu viel Anteil nimmt. Das könnte ihn ganz und gar erdrücken.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Er hat immer gemeint, du interessier¬test dich gar nicht für seine Dichtungen, bliebest immer fern, wenn es eine Lesung im Salon gegeben habe.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Würdest du gerne dabeisitzen, wenn du an meiner Stelle wärst und Hugo etwa den ›Chandos-Brief‹ liest und hören müßtest: – »Von diesen sonderbaren Zufällen abgese¬hen, lebe ich ein Leben von kaum glaub¬licher Leere und habe Mühe, die Starre meines Innern vor meiner Frau und vor meinen Leuten die Gleichgültigkeit zu verber¬gen.« Und dann schaut der Beer-Hofmann auf den Boden, der Schnitzler aus dem Fenster, und der Bahr läuft fast rot an vor Wut … Wir waren damals gerade ein oder zwei Jahre verheiratet! Da bin ich doch gleich lieber nicht im Salon.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ja. Ja!
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Er hat natür¬lich nie wider¬sprochen, daß der »Chandos-Brief« ein Selbstbekenntnis war ...
GRÄFIN VON DEGENFELD: Was kann man nicht alles jemanden andern sagen lassen, was man aus sich selber zu sagen verhindert ist – und dabei ist man doch immer derselbe.
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Die Diskretion geht Hugo immer über alles. Will alles immer andeuten, liebt die An¬spie¬lung, offene und indirekte Zitate, will gesehen und ent¬deckt werden, – aber keiner darf darüber reden. – An der Geschichte mit dem Edgar kannst du sehen, wie sich Hugo aus sich selber herausgewunden hat.

Diese Szene verdunkelt wieder zugunsten der folgenden.

Dritte Szene in Alt-Aussee
Vor einem Zaun, am Rand eine Laube
EDGAR KARG VON BEBENBURG vor und HOFMANNSTHAL vorerst hinter dem Zaun. Im Verlaufe des Gespräches steuern sie auf eine Laube zu, in die sich dann setzen. Über dem Zaun hängt ein weißes Tuch.

EDGAR KARG: Hugerl, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dich nach so langer Zeit endlich wieder für eine hal¬be Stunde allein zu haben.
HOFMANNSTHAL: Weißt du, es ist meine gute und schlechte, überhaupt mei¬ne Gewohnheit, nach Men¬schen zu suchen und über Menschen zu reflektieren; mit der Natur kann ich nicht immer was anfangen; nur star¬ker Wind, Mond¬schein und ein großes Wasser machen mich glück¬lich.
EDGAR KARG: Mich hat das große Wasser nicht immer glücklich gemacht. Nur der Gedanke an euch – und daß ich meiner Familie damit helfe – vielleicht auch gerade in der Fremde schneller reif werde.
HOFMANNSTHAL den Zaun übersteigend: Reif werden, heißt vielleicht nur: lernen in sich hineinzuhorchen, daß man darüber al¬len Lärm vergißt und schließlich gar nicht mehr hört. Wenn man sich in sich selber verliebt und über dem An¬starren des Spiegelbildes ins Wasser fällt, so ist man, glaub’ ich, den besten Weg gefallen. Wie kleine Kinder, die träu¬men, sie fallen durch den Ärmel im Paletot ihres Vaters in das Märchenland hinein, zwischen den gläser¬nen Berg und den Brunnen des Frosch¬königs. – »In sich selber ver¬liebt«, ich mein’ halt ins Leben, oder wohl auch in Gott, wie man will.
EDGAR KARG: »Durch den Ärmel im Paletot ins Märchenland.« – Wie dir so was nur einfällt! Aber in mich selber verliebt sein, das kann ich nun einmal gar nicht.
HOFMANNSTHAL: Das aber ist der Beginn für alles – und dadurch wird man auch für die anderen mehr, wenn man aller¬dings nicht als Narziß am Spiegelbild kleben bleibt. – Und was ist Dichten: zu schaffen wie die Spinne, aus dem eigenen Leib den Faden hervorspinnend, der über den Abgrund des Daseins trägt.
EDGAR KARG: – – Aus dem eigenen Leib den Faden hervor¬spin¬nend, der über den Abgrund des Daseins trägt …
HOFMANNSTHAL: Du erin¬nerst dich noch an Professor Alfred von Berger? Das ist ein Mensch, wie ich ungefähr möchte, daß du einmal würdest: mit allen feinen und allen derben Organen der Seele, nicht so zer¬brechlich wie ich und doch nichts weni¬ger als stumpf, mit einer männ¬lichen sinnlichen Freude an der Jagd, an den Frauen, am Segeln, am Raufen, an Pferden.
EDGAR KARG: Schon öfters wolltest du mir erklären, wie ich ein gentleman werden kann.
HOFMANNSTHAL: Das Leben ist für uns alle un¬sagbar schwer, tückisch und grenzenlos übelwollend: im Ertragen liegt al¬les Schöne und Wertvolle. Und ein bissel was nützt es ei¬nem vielleicht, daß man andere hat, die einem beim Er¬tragen zuschauen und gut genug sind, das Schwere zu verstehen. Ich wä¬re sehr glück¬lich, wenn ich mit der Zeit für dich ein solcher Mensch werden könnte.
EDGAR KARG: Du bist mir gleich nach der Mama das wichtigste, aus egoistischen Gründen; oder wahrer und schöner auch aus egoistischen Gründen. – Vor dir hat mich noch nie¬mand in meinen Gedanken ergänzt.
HOFMANNSTHAL: Wie du das sagst! – Aber erzähl’ mir doch noch was von deinem Marineleben! Interessante Menschen ken¬nengelernt?

Nunmehr bei der Laube angelangt, in die sie sich setzen.

EDGAR KARG: Darling, manchmal hab’ ich nur einen Gedanken: daß ich dich »furchtbar« lieb hab’. Wenn mir irgendetwas das Blut warm gemacht hat, fallt mir immer das Wort furchtbar ein, das ich meistens an Gernhaben anhängen muß, und beides dann an eine Person.
HOFMANNSTHAL: Mir ist, glaub’ ich, noch nie eine Freude so un¬erwartet vom Himmel gefallen wie deine Freundschaft. Ich habe große Freude über dein Zutrauen zu mir.
EDGAR KARG: Weißt du eh, daß ich noch nie einem Menschen er¬laubt habe, so gleichmäßig starken und großen Besitz mei¬nes Lieb¬ha¬bens zu nehmen wie dir? Ich habe schon seit Jahren die Gewohnheit, dich fester in mir zu tragen als irgendeinen anderen Freund.
HOFMANNSTHAL: Freundschaft zwischen Männern kann nicht den Inhalt des Lebens bilden, aber sie ist, glaube ich, das reinste und stärkste, was das Leben enthält: für mich ist sie, neben meinem mir eingeborenen Beruf, wohl das ein¬zige, was ich mir aus dem Dasein nicht wegdenken könn¬te. Und ich glaube, ich hätte sie gesucht, in welchem Stan¬de immer ich zufällig geboren wäre.
EDGAR KARG: Mein lieber Schatz, ich hab’ dich lieb.
HOFMANNSTHAL: Mein Lieber!
EDGAR KARG will ihn umarmen, vielleicht sogar küssen.
HOFMANNSTHAL macht eine freundliche, aber dennoch bestimmte Ab¬wehr¬bewegung.
EDGAR KARG: Gerade in so einer Zeit, wie der jetzigen für mich, da ist man oft mit Liebe angefüllt bis zum Rand und hat das Gefühl, sie fließt aus einem heraus.
HOFMANNSTHAL: Die Freundschaft ist so ähnlich der Liebe: sie wählt so heftig, so blindlings, sie vertraut sich so sehr dem völlig Ungewissen an, und sie leidet ebenso schwer, wenn sie enttäuscht wird.
EDGAR KARG sieht ihn nachdenklich an.
HOFMANNSTHAL: Schau, da kommen die Buben vom See zurück!

HANNSL, CLE und HANS SCHLESINGER kommen mit Badetüchern zum Zaun, BUI ist vollkommen nackt. HOFMANNSTHAL greift nach einem Tuch und reicht es BUI über den Zaun, läßt aber erst nach einem kurzen Zögern los.
EDGAR streckt die Hand in HOFMANNSTHALS Richtung aus,
läßt sie dann aber mutlos und sehr traurig fallen.
Bald darauf verschwinden sie alle im Dunkel.

Dritte Szene in Rodaun
GRÄFIN VON DEGENFELD-SCHONBURG und GERTY VON HOFMANNSTHAL.

GERTY VON HOFMANNSTHAL: Ja, ja, der arme Edgar! – Wie habe ich diese Ausseer Clique im¬mer schon geliebt und es zu¬tiefst bedauert, bloß ein Mä¬del gewesen zu sein. Aber Hu¬go, der mich so lange über¬haupt nicht wirklich wahr¬ge¬nommen hatte, war von Anfang an mein Favorit. Ich war halt, wie die Sophie singt: »Freilich. Er ist ein Mann, da ist Er, was Er bleibt. Ich aber brauch’ erst einen Mann, daß ich was bin. Dafür bin ich dem Mann dann auch gar sehr ver¬schul¬det.«
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ja, wir sind noch in einer Zeit auf¬gewachsen, in der wir bloß als Witwen frei sind!
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Aber ich sage dir was: Ich habe es nie bereut, ihn ge¬heiratet zu haben. Er braucht seine Frei¬heit, aber er gibt mir dafür auch die meine. Er ist dafür, wie du selbst ge¬sagt hast, ein überaus sensibler weicher Mann. Oder hät¬te ich lieber einen langweiligen Aller¬welts¬mann heiraten sollen mit Vollbart und Bier¬bauch, der nur am Wochenende wirk¬lich da ist und dann mit Zeitung und hoch gelagerten Fü¬ßen am Diwan sitzt und nach Bier schreit?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Was für ein Bild! Entsetzlich!
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Er hat es mir ermöglicht, herrliche Momente zu erleben, wunderbare und außergewöhnliche Men¬schen kennen zu lernen – – wie dich, liebe Ottonie!
Sie legt ihre Hand auf die der Gräfin und geht dann ab.

GRÄFIN VON DEGENFELD-SCHONBURG findet indes das Manuskript zur ›Arabella‹. Bald darauf tritt HOFMANNSTHAL herein.

Vierte Szene in Rodaun
GRÄFIN VON DEGENFELD-SCHONBURG und HOFMANNSTHAL.

HOFMANNSTHAL beide Hände drückend: Meine liebe Gräfin, liebste Ottonie!
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ja, Hugo – – ?
HOFMANNSTHAL: Wie Sie doch immer reicher wird und immer reizender von Jahr zu Jahr! So vieles Wunderbare macht Sie wieder wach, und ’s hat doch nur geträumt und kaum geschlafen.

Nach einer Pause.

GRÄFIN VON DEGENFELD: Daß Er jetzt anderthalb Jahrzehnte nach seinem ›Lucidor‹ wieder auf seine Erzählung zurück¬greift, hat mich doch, muß ich gestehen, ein bisserl er¬staunt. Aus der intimen Geschichte wird also nun die neueste Strauss-Oper.
HOFMANNSTHAL: Stört Sie das etwa, meine Liebe?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Im Gegenteil: Wie sehr freue ich mich schon auf ihre Komödie, daß sie jetzt nach so langer Zeit wirklich ge¬schrieben sein wird!
HOFMANNSTHAL: Wem wollte man Freude machen als den Men¬schen, die man gern hat – für wen schriebe man denn schließlich überhaupt? – Aber ich glaube, das Eigentliche in dem Stück liegt nicht in den Figuren, sondern in dem, wie die Figuren zu einander stehen.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Deshalb finden wir uns wohl auch so oft in Ihren Gestalten wieder …
HOFMANNSTHAL: Verhältnisse zwischen Menschen sind mir etwas besonders Anziehendes. Das Verhältnis zwischen zwei Men¬schen ist etwas ganz bestimmtes, ist ein Individuum, ein zartes, aber wesenhaftes Gebilde. – Dies zu sehen und daraus etwas zu machen, das ist vielleicht meine Sache.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Und wie! Sie zaubern uns die Nuancen der Seele vor die Augen, als ob Sie mittendrin wären.

Nach einer Pause.

HOFMANNSTHAL mit verändertem Ton: Liebe Ottonie, Gerty sagt, wenn Ihr drei zusammen seid, sie, unsere Christiane und Sie, und von mir sprecht, so sprecht ihr genau wie von einem Ver¬rückten. – Bin ich wirklich so verrückt – oder kann man erkennen, daß es nur eine Gri¬masse ist – und darunter das Andere das Wirkliche, so wie es, von innen gesehen, ja der Fall ist? Ich fange an, mich zu äng¬stigen.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Aber Hugo!
HOFMANNSTHAL: Daß Sie mich nur einmal sehen könnten, wo ich wirklich ich selber bin – wie in Bad Fusch oder Aussee! Oder bin ich am Ende nur ich selber, wenn ich wie dort fünfzehn Stun¬den des Tages allein bin, und über tausend Meter? So wie Hamlet um¬gekehrt nur bei Süd-Südwest verrückt war! –
GRÄFIN VON DEGENFELD: Wie Er das so sagt! – Wenn wir uns tat¬sächlich hie und da ein bisserl wundern, dann viel¬leicht über Ihre besondere Liebesfähigkeit, Ihre Träume, Sehn¬süchte und Wünsche – –
HOFMANNSTHAL: Was wünsche ich? Was ist das Innerste, das Wirkliche an diesem maßlosen Sich-Hinüberlehnen einer Seele zu einem anderen Wesen? Es müßte sich doch mit ganz einfachen Worten sagen lassen! Daß Sie es fühlen könnten, daß es in Sie hineinginge wie ein Strahl. Ich hab’ Sie lieb. Aber das »Ich« in dem Satz ärgert mich – was geht Sie der an, der Sie lieb hat. – Der, den Sie lieb hätten, ginge Sie was an. Man sollte es so sagen können: es hat Sie lieb.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Und Sie sagten auch immer wieder so gern mit den Worten von Goethes Philine: »Wenn ich dich gern hab’, was geht’s dich an?« – Das mochte ich ganz besonders.
HOFMANNSTHAL: Und ist nun einmal so mit dem Liebhaben. – Liebhaben ist Erkennen, wahres Gewahr-Wer¬den des an¬deren Wesens; in diesen Tagen wieder sehr lebhaft emp¬funden.
GRÄFIN VON DEGENFELD: »Liebhaben, heißt wissen, wie einer ist. Ich weiß noch nicht genug, wie Sie sind. –« Das haben Sie mir immer wieder gesagt – und mir zur Hilfe den Platon geschickt, damit ich Ihre Liebe besser verstehen lerne.
HOFMANNSTHAL: Aber dann hab’ ich Ihnen die fatale Frage ge¬stellt – –
GRÄFIN VON DEGENFELD: Und ich hab’ kein unwahres Wort geschrieben.
HOFMANNSTHAL: Ja, leider! In Wien hätte man die nackte Wahr¬heit wohl besser verhüllt …
GRÄFIN VON DEGENFELD: Aber müßte ich Ihnen nun wieder wie damals sagen, ob ich die Briefe von einem gewissen Mann noch lieber habe als ihn selbst – – Das ist, wie damals, ganz schwer zu erklären. Nein, ich habe ihn schon sehr gern, und ich spreche schon lieber mit ihm, und beson¬ders gern reise ich mit ihm, – aber etwas, was ich eben gar nicht liebe, ist irgendwo ohne ihn zu sein, wenn kein Brief mich dort erreichte. – Soll ich Ihnen nun noch mehr sagen, warum ich Ihn so gern habe: Weil Er auch den Staub auf den Blüten liebt, weil Er die Knospen¬büschel nicht ins Warmhaus setzen würde, um sie vor¬zeitig aufbrechen zu lassen; und das ist etwas, was Ihn vor allen andern Männern auszeichnet, was wie Balsam für ein wundes Herz ist. Aber wenn ich nun grausam ehrlich bin, dann muß ich doch wohl sagen: Ihn habe ich namen¬los gern, aber ich liebe Ihn nicht, – und Seine Briefe habe ich nicht nur gern, sondern die liebe ich direkt. Aber da¬bei wird mir grade klar – wenn ich Seine Briefe liebe, muß ich dann nicht Seine Seele, Sein inneres Ich auch lieben, denn Seine Briefe sind doch Seine Seele?!
HOFMANNSTHAL: Es war damals wie heute eine dumme unnötige zudringliche Frage, und ich bereue sie sehr. Aber sie war ganz leicht hingeschrieben, und vielleicht wartete sie auf keine Antwort. Denn wie es damit steht, das weiß ich ganz genau, Ottonie, und ich rechne damit und nichts in mir, kein Fühlen, kein Wollen, kein Wünschen, kein Spielen oder Träumen, das nur eine Linie von diesem Wissen ab¬wiche, – und ich bin froh, so froh, daß Sie eben doch auf der Welt sind, und darum brauchte es vielleicht nicht ge¬sagt zu werden, brauchten diese zwei kleinen Worte »nicht – lieben« nicht in einem dieser Briefe zu stehen. Daß es aber gesagt wurde, daß die beiden Worte so bei¬einander zu stehen kamen, daran bin nur ich schuld, nur meine Frage.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Es nagt wohl noch immer an Ihnen ...
HOFMANNSTHAL: Sehen Sie, Ottonie, ich habe Sie wohl so lieb, als es in meinen Kräften liegt, irgendein Wesen auf der Welt lieb zu haben (das Verhältnis zu der eigenen Frau, mit der man seit fünfundzwanzig Jahren lebt, und das zu den Kindern ist ja ein Geheimnis für sich), und ich habe Sie mit solcher Kraft lieb gewonnen in der Stunde, als Sie mir Ihr großes Leid erzählten. – Zu¬gleich, Ottonie, ist so wenig Verliebtheit für Sie in mir, so wenig Begehren als nur möglich bei so viel Neigung.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Charmant!
HOFMANNSTHAL: Jedenfalls habe ich eine reizende Frau und eine entzückende Freundin. Die kann ich diesmal sehen, so deut¬lich, hab’ sie nicht verloren, seh’ sie laufen und ste¬hen, müd’ werden, sich lehnen, aufspringen, wild herum¬fahren, hab’ sie lieb, mit Angst und mit Freude, mit La¬chen und mit ernsten Blicken, wunschlos und mit ein bißl Wünschen, – aber immer leicht, was nicht leicht ist, tut ihr weh. Hab’ sie halt schon sehr lieb, die. – Und die andern, außer diesen zwei, das wird wohl Spielerei sein.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Spielerei also …
HOFMANNSTHAL: Beziehungen zu Männern sind übrigens gerade so rät¬sel¬haft; denn auch zwischen Männern und Män¬nern, wie zwischen Männern und Frauen, ist alles so ge¬heimnisvoll, verwirrend und anziehend. – Aber lieben kann man viele und vieles, und verbinden kann man sich vielem und vie¬len.

Nach einer Pause.

HOFMANNSTHAL: Was für eine Chance für mich, Ottonie, daß Sie nicht wieder geheiratet haben! Ist das häßlich, daß ich das sage – egoistisch?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Nun seien Sie auch getrost und sorglos, es wird wohl der Andere nie kommen, der mich Ihnen nimmt. Suchen tu ich ihn nicht, und Sehnsucht habe ich auch nicht nach ihm. So wollen wir uns doch bitte, bitte bleiben, was wir uns sind. Und das Gefühl, Ihnen etwas zu sein, macht mich unendlich glücklich. Was Sie mir bedeuten, hab’ ich zu oft wohl schon gesagt, um’s auf’s Neue zu tun. Ich sage mit der Marschallin: »Sei Er nicht wie alle Männer sind, dann macht Er mich unendlich glücklich!«
HOFMANNSTHAL: Wissen Sie eigentlich, was ich unserem lieben seligen Eberhard gesagt hatte, als ich Sie kennenlernte?
GRÄFIN VON DEGENFELD: Nun?
HOFMANNSTHAL: Sie ist unglaublich nett! So etwas Lebes, Gutes und Freudenmachendes. Mit der möchte man gleich ein Jahr allein auf einer wüsten Insel leben und sich nur von Möveneiern nähren, es müßte doch wunderbar sein.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Na, schau! – So schnell war Naxos in Ihrem Sinn, als ob es gar nicht anders sein konnte – –
HOFMANNSTHAL: Es ist immer wieder das alte kleine Lied des Harlekin. Sie sind eine Lebende, und das Leben ist Ihnen gut und hell und erwärmend, und die Welt will es nicht entbehren, und ich will es nicht entbehren. – Oft quäl’ ich mich stundenlang über mich selber, wer ich denn bin und was ich denn bin. Das Fremd-Werden gegen Men¬schen, so völlig – – Denk’ ich alle diese Begegnungen und Trennungen, all dies Dazwischengreifen von andern Menschen, das Ein¬zelne, so gespenstisch – wie die Tage im Frühling 1911, dann wieder andres so völlig reizend und gut – so ist es eine ganze Odyssee. Aber Ihr Bild in mir so rein, und wie soll ich sagen, so frisch, wie ein unge¬trun¬kenes Quellwas¬ser. – Nur ich muß Sie zuviel entbehren, immer wieder will ich meinen Lebenskreis so legen, daß er Sie fest um¬schließt – denn Sie sind eine Frau, und Sie wollen um¬schlossen sein von einer magischen geistigen Linie. Und immer wieder bewegt sich der Boden unter den Füßen, zerreißt den hinzugezeichneten Kreis, drängt mich selber hinaus aus dem Bereich meines wahren Lebens, riegelt mich ab von den nächsten Menschen.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ja Hugo, was Sie sagen von uns beiden ist schon so, dieses Immer-wieder-zueinander-Finden und Sich-Loslassen ganz weit, es muß wohl so sein. Ohne Sie oder Ihr Dasein in meinem Leben hätte ich mein Leben gar nicht so dahingebracht; und dieses seltene Sehen, die¬ses Nichtmitleben-Können an Ihrer Arbeit, wie es der Krieg so gebracht hat, war für mich eine große Ent¬beh¬rung. – Sie beschäftigen halt meine Gedanken viel mehr, als es einer der andern tun kann.
HOFMANNSTHAL: Ach, meine liebe Ottonie! – Aber dann saß ich wieder einmal in dem alten Adlon in Berlin. Da hab’ ich einmal einen ganzen Tag an Sie geschrieben, und da¬zwi¬schen Briefe von Ihnen bekommen, da haben Sie mir drei¬mal des Tags auf zweiunddreißig Seiten mitgeteilt, daß Sie mich nicht lieben. Dabei ist’s geblieben.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Ja, ja! Aber das damals in Berlin, da ich Ihnen nur die Liebe für Ihre wunderbaren Briefe gestan¬den habe und nicht das andere, das haben Sie wohl nicht nur nie vergessen, sondern auch, wie mir scheint, nie ver¬wunden. Nur – es hat Sie deshalb so ge¬kränkt, weil Sie, lieber Hugo, halt selber so sehr geliebt wer¬den wollen und dadurch Ihre Eitelkeit gekränkt wurde. Nicht wahr?
HOFMANNSTHAL: Aber liebste Ottonie, wie können Sie so etwas Böses sagen?
GRÄFIN VON DEGENFELD: »Ich sag’, was wahr ist.« – »Lieben kann man viele und vieles, und verbinden kann man sich vie¬lem und vielen.«
HOFMANNSTHAL: Jetzt schlagen Sie mich am Ende noch mit mei¬nen eigenen Waffen.
GRÄFIN VON DEGENFELD: Las¬sen wir es doch dabei! Es ist nun einmal so, daß ich Ihre am tief¬sten empfundenen poeti¬schen Kinder und Ih¬re Briefe immer über alles geliebt ha¬be. – Und nun wünsche ich Ihnen noch alles, alles er¬denk¬lich Gute und Liebe. – Und – – seien Sie gut zur Ger¬ty, denn Sie ist emp¬findsa¬mer und feinfühliger, als man den¬ken mag!

Sie geht ab, nachdem Sie sich die Hand küssen ließ,
ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ein paar Takte des Harlekin-Liedes aus ›Ariadne auf Naxos‹
(evtl. nur Klavier oder Echos sprachlose Wiederholung).

Fünfte Szene in Rodaun
HERMANN BAHR tritt auf und findet nur HOFMANNSTHAL vor.

BAHR enttäuscht: Ach, die Gräfin ist schon fort?
HOFMANNSTHAL: Zurück nach Hinterhör, wo sie vermißt wird.
BAHR: Das ist ja eine unglaublich reizende Person. Kein Wunder, daß Sie sie so lange vor mir versteckt haben.
HOFMANNSTHAL: Aber Ihnen entgeht auf Dauer ja nichts. Da sind Sie wie ein guter Hund auf einer guten Fährte: dop¬pelt scharf auf jedes Wild nach links, nach rechts …
BAHR: Wie Ihr ›Rosenkavalier‹ immer zu allem paßt und taugt.
HOFMANNSTHAL: Nun, wenn man auf einen von Lerchenau trifft …
BAHR: Gerty ist übrigens heute so frühlingshaft verändert. Redet so offen wie nie, seit ich sie kenne.
HOFMANNSTHAL: Ach ja?
BAHR: Sie weiß und sie durchschaut so viel.
HOFMANNSTHAL: Natürlich! Das fällt Ihnen heute erst auf?
BAHR: Ein guter Ehemann weiß das natürlich. War Ihnen das wo¬möglich jemals unangenehm? Ihre Auf¬fas¬sung von Ehe- und Familienleben scheint mir jedenfalls etwas eigen.
HOFMANNSTHAL: Wie bitte?
BAHR: Sie lieben Ihre Frau – – und vor ihrer Entbindung reisen Sie ab. Sie haben Kinder – – Monate lang können Sie sie entbeh¬ren. – Fragt man die Gerty, wie es Ihnen geht, so ant¬wor¬tet sie entweder: gut, es ist ihm gestern so viel ein¬gefallen, oder: schlecht, es fällt ihm nichts ein! – Darum dreht sich Gertys Welt – – und Ihre? – Sind Sie eigentlich fähig zu begreifen, daß sich irgendeine Welt um etwas anderes drehen kann?
HOFMANNSTHAL: Aber Hermann, was ist in Sie gefahren?!
BAHR: Haben Sie etwa dem frisch verheirateten Beer-Hofmann nicht je¬ne Verse geschrie¬ben?
auswendig rezitierend:
Ist Weib und Kind nur weit genug,
Gleich nimmt der Pegasus den Flug
Und hüpft mit auserlesnem Takt
Von Vers zu Vers, von Akt zu Akt.
Drum Dichter, laß dir dieses künden:
Wohl sollst du einen Herd dir gründen,
Doch wenn er dann gegründet ist,
So laß ihn stehn nach kurzer Frist,
Laß von der Muse dich begleiten
Und schätze Weib und Kind –
von weiten!
HOFMANNSTHAL enerviert: Ich wußte nicht, daß Sie so wenig Hu¬mor, aber dafür so ein gutes Gedächtnis ha¬ben.
BAHR: Aber darum geht es doch jetzt nicht.
HOFMANNSTHAL: Worum dann?
BAHR: Ich fände Ihre Verse wahrscheinlich witziger, wenn ich Gerty nicht kennte oder zumindest nicht gern hätte – –
HOFMANNSTHAL: Das wäre vielleicht auch besser – –
BAHR: Mein lieber Hugo, ich habe Sie stets bewundert, immer für den bedeutendsten deutschsprachigen Dichter unserer Zeit gehalten. In Ihrer Jugend gab es schon nur Sie – und vielleicht – den George. Lauernd: Doch den haben Sie wohl hinter sich gelassen. Oder?
HOFMANNSTHAL: Worauf wollen Sie hinaus?
BAHR: Haben Sie ihn wohl endlich überwunden?
HOFMANNSTHAL: Wie meinen Sie das?
BAHR: Ob das George-Erlebnis eines der tiefsten Ereignisse Ihres Lebens war, eines der tiefsten Ereignisse, obwohl es äußer¬lich so gar nicht dramatisch schien?
HOFMANNSTHAL mit erstaunten fast knabenhaft aufgerissenen Augen: Ach ja?
BAHR: Ihr ganzes Jugendwerk ist voll von Anspielungen und Zita¬ten auf dieses George-Erlebnis.
HOFMANNSTHAL: Was Sie nicht sagen!

Im Hintergrund taucht eine Männergestalt (der junge HOFMANNSTHAL?) auf. Sie befindet sich in Venedig an einem Kanal. Da tritt aus einem Gäßchen ein Maskierter (GEORGE?) hervor, wickelt sich fester in seinen Mantel, nimmt ihn mit beiden Händen zusammen und will quer über den Platz gehen.
Plötzlich geht vorne der Mantel auf, und man sieht, daß der Herr unter dem Mantel im bloßen Hemde ist, darunter nur Schuhe ohne Schnallen und herabhängende Kniestrümpfe, die die halbe Wade bloß lassen.
So plötzlich, wie sie aufgeflackert ist, verlischt die Szene auch wieder.

BAHR: Ich denke an Ihr letztlich mißglücktes Stück ›Das gerettete Venedig‹, eine bedenkliche Parellelisierung: waren Sie der schwache Jaffier, George der starke Pierre? – Eine reine Männerliebesgeschichte. Oder wo finde ich Sie da? – Das wollten Sie Geor¬ge unbedingt mitteilen. Sie ha¬ben ihm das Stück so¬gar gewidmet.
HOFMANNSTHAL verhalten zynisch: Absurd!
BAHR: Sie wissen sehr wohl, daß uns allen klar gewesen ist, wo¬rum es im ›Geretteten Venedig‹ wirklich geht: um Ihr Ver¬hältnis zu George und zu Ihrer lieben Gerty.
HOFMANNSTHAL: Und Sie denken, daß man diese biographischen Parallelen so ohne weiteres auf die Bearbeitung dieses hi¬storischen Stückes übertragen kann? – Was für eine selt¬sa¬me Einstellung von einem Künstler und Denker, wie Sie es sind …
BAHR: Sie wissen, was ich an der Figur des Jaffier falsch fand, zu¬mindest nicht so, wie es das Verhältnis der beiden Män¬ner fordern würde.
HOFMANNSTHAL: Sie müssen das Stück als das Resultat einer not¬wendigen, aber nun schon überwundenen Entwicklung nehmen.
BAHR: Genau als das hatte ich es genommen – –
HOFMANNSTHAL: Nun, man schreibt’s, hat’s geschrieben, schreibt was anderes, das ist das Schöne.
BAHR: Aber ich bin nicht so sicher, ob es sich wirklich um eine »überwundene Entwicklung« handelt …
HOFMANNSTHAL: Kommen Sie endlich auf den Punkt! Was soll Ihr »literarhistorischer« Exkurs?
BAHR: Es geht um Ihre liebe Gerty und Ihrer beider Beziehung. Worum sonst?
HOFMANNSTHAL: Hat sie sich etwa vorher im Garten darüber be¬schwert?
BAHR: Aber wo denken Sie hin?! Dafür ist Gerty doch viel zu zu¬rückhaltend.
HOFMANNSTHAL immer ungehaltener: Was wollen Sie dann von mir?
BAHR: Reden wir doch offen über Ihr Problem!
HOFMANNSTHAL: Welches Problem?!
BAHR: Ihr Problem, das Sie spätestens seit dem George-Erlebnis haben. Nicht daß ich das ge¬ringste gegen eine solche Nei¬gung hätte. – Sie haben für Poldys Neigungen immer so viel Verständ¬nis und Sym¬pa¬thie aufgebracht – wie auch ich, waren so offen, was dieses delikate The¬ma anbelangt. – Warum sind Sie sich selbst gegen¬über aber immer so unehrlich gewesen? Und warum ha¬ben Sie vor allem mit Gerty immer Komödie gespielt?
HOFMANNSTHAL erzürnt: Wer sagt Ihnen denn das? Hat Gerty Ih¬¬nen irgendetwas in diese Richtung auch nur angedeutet?
BAHR: Was aus Rücksicht verschwiegen wird, wäre deshalb nicht in der Welt?
HOFMANNSTHAL: Haben Sie etwa Probleme mit Ihrer lieben An¬na, daß Sie heute gar so seltsam sind?
BAHR: Nein, nein, lenken Sie jetzt nur nicht ab! Es geht einzig darum: Wie ehrlich waren Sie zu Gerty?
HOFMANNSTHAL: Hier war nichts und hier ist nichts zu ver¬schweigen.
BAHR: Sie kennt also diese Seite von Ihnen?
HOFMANNSTHAL: Was soll das?!
BAHR: Hugo, Sie haben Gerty um einen Namen für Ihr damaliges Stück, für das ›Bergwerk von Falun‹, gebeten. Sie haben Gerty um einen Namen für die Braut von Elis gefragt und sich gedacht, es sei Hinweis ge¬nug gewesen, daß Sie selbst nebenbei als Namen Gertrude vorgeschlagen haben. Sie redeten sich selbst ein, Gerty auf diesem Weg das Geheim¬nis Ihrer Existenz gesagt zu haben. – ›Das Berg¬werk von Falun‹ mu߬te für Ihre Unauf¬rich¬tig¬keit her¬hal¬ten; denn auch eine halbe Aufrichtigkeit ist im¬mer noch eine ganze Lü¬ge. Nen¬nen Sie das aus¬reichend für ei¬ne Er¬klärung vor der Heirat? – Sie haben das Leben mit der Kunst ver¬wech¬selt. Wie kann man ei¬nem Nicht-Künst¬ler Mitteilungen von solcher Be¬deu¬tung in Form ei¬nes Kunst¬werks ma¬chen? Wie soll denn der ar¬me Mensch darauf antworten, wofür er doch nun einmal keine Sprache hat? – Wie kann ein so großer Künstler wie Sie, Hugo, so wenig von der Seele seines Nächsten ver¬ste¬hen, so ganz und gar unsen¬sibel sein?
HOFMANNSTHAL: Jetzt gehen Sie aber zu weit! Das ist ja alles hane¬büchener Unsinn.
BAHR: Es tut mir leid, wenn ich heute nach so vielen Jahren erst fähig bin, diese Dinge, die mir so lange schon am Herzen liegen, auszusprechen.

Sechste Szene in Rodaun
GERTY VON HOFMANNSTHAL tritt kurz ins Zimmer,
dann Auftritt von CARL JAKOB BURCKHARDT.

GERTY VON HOFMANNSTHAL, immer an der Tür bleibend und so BURCK¬HARDT verdeckend: Dein lieber Carl Burckhardt ist so¬eben an¬gekommen. Na, heute geht es bei uns aber zu! Hu¬go, du solltest einen Antichambrier-Zeremonienmeister an¬stel¬len. – Zu BAHR: Sie müssen ja den Eindruck ha¬ben, als wä¬re das die Regel im Hause Hofmannsthal und das Fuchs¬schlößl ein letzter Ableger des ehemaligen Grien¬steidl.
HOFMANNSTHAL: Du bist aber heute in guter Laune, liebste Ger¬ty. Ist es der Frühling, der dich so enthusiastisch macht?
GERTY VON HOFMANNSTHAL: Aber geh! – Ja, Herr Burckhardt, warum kommen Sie nicht herein? Sie sind doch bei uns zuhause, und der Hugo erwartet Sie doch schon voller Ungeduld … – Und jetzt lasse ich euch Männer auch schon wieder allein. Ich muß noch schnell mit unserer Christiane telephonieren wegen der Geschich¬te mit dem Haus. – Kinder! Man hat halt immer Sorgen, selbst wenn sie schon verheiratet sind. Ab.
HOFMANNSTHAL mit ausgestreckten Armen: Mein lieber Carl, endlich kann ich Sie wieder einmal in die Arme schließen.
BURCKHARDT: Ja, lange hat es diesmal gedauert.
HOFMANNSTHAL: Aber sagen Sie, kennen Sie unseren Hermann Bahr schon?
BURCKHARDT: Wer in deutschen Landen kennte ihn nicht. Allein persönlich begegnet sind wir einander noch nie. Es ist mir eine große Freude, das endlich nachholen zu dürfen.
BAHR: Leider wird es nur eine kurze bleiben, denn ich bin schon wieder auf dem Sprung. Meine liebste Anna – Sie wissen wahrscheinlich, daß sie Sängerin an der Oper ist – tritt heute Abend als Klytämnestra auf. Und da muß ich früh im ›Bristol‹ zurück sein, denn das kann sie par¬tout nicht leiden, wenn ich Sie vor einer Vorstellung allein lasse. – – Aber vielleicht haben Sie ja heute Lust, Hugos ›Elektra‹ zu se¬hen.
BURCKHARDT: Das klingt freilich sehr verlockend!
BAHR: Ich könnte Ihnen sicher zwei Karten hinterlegen lassen.
BURCKHARDT: Das wäre schön!
BAHR: Kommen Sie auch, Hugo? Wer weiß, wie oft Anna die Rol¬le noch gibt.
HOFMANNSTHAL: Ich glaube, daß das heute nichts werden kann. Außerdem wissen Sie ja, wie ungern ich in den letzten Jah¬ren meine Stücke sehe. – Selbst wenn Sie von Strauss in Musik gesetzt sind.
BAHR zu BURCKHARDT: Hugo mag sein Stück nicht mehr, obwohl es das modernste ist, was er geschrieben hat – auch der Strauss hat danach nie wieder so sehr der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit gegeben – – – Zu HOFMANNSTHAL: Nun denn, lieber Hugo, wie Sie meinen. Bis bald! – – Bis bald also! Und nichts für ungut, was unser Gespräch von vorhin an¬belangt. Sie wissen, wie ich zu Ihnen stehe. Ab.

Siebente Szene in Rodaun
HOFMANNSTHAL und BURCKHARDT allein.

HOFMANNSTHAL: Da geht er hin, der aufgeblasne, schlechte Kerl.
BURCKHARDT: Aber lieber Freund!
HOFMANNSTHAL: Ach, ich sag’, was wahr ist.
BURCKHARDT: Was hat Sie denn so gegen ihn verstimmt?
HOFMANNSTHAL: Ich hatte gerade ein furchtbares Gespräch mit ihm. Er war so anmaßend, daß ich ihn am liebsten zur Tür hinausgeworfen hätte.
BURCKHARDT: Das hätte ein herrliches Bild abgegeben. – Aber mich wundert es, da ich bisher der Auffas¬sung war, er stünde immer ganz und gar hinter Ihnen?
HOFMANNSTHAL: Mein eigenes Verhältnis zu ihm ist schwer zu erklären. Als es sich anknüpfte, war er über dreißig, ich achtzehn. Wir waren viel zusammen, aber nie hat er zu dem inneren Kreis meiner Freunde ge¬hört, nie –
BURCKHARDT: Warum?
HOFMANNSTHAL: Ich kann es durch¬aus nicht erklä¬ren. Er erzähl¬te mir alles, was seine Existenz erfüllte, ich hör¬te es an, wie man ein illustriertes Buch ansieht – es brach¬te mich nie in Vibration. – Er schrieb oft über mich, über meine Arbeiten, war mein Herold, was man will – mir war’s, es ginge mich gar nichts an. Es war mir lästig; hätte es lieber verhindert. Es schien mir alles, was er vorbrachte, so hohl, so schief, so inkompetent, im höchsten Maß, das ist viel¬leicht das richtige Wort: inkompetent. Dies geht durch diese ganzen sieben¬und¬dreißig Jahre durch. Er muß es oft gefühlt ha¬ben – es muß ihn gekränkt haben – aber das gehört zu diesem wunderlichen Verhältnis, daß ich es kaum mehr bemerk¬te, während die Sorgen eines wirk¬lichen Freundes mich im¬mer gleich verdüstern und ich da die Erbse durch sechs Federbetten durchfühle.
BURCKHARDT: Das ist wohl wahr.
BURCKHARDT: Und worum ging es heute konkret?
HOFMANNSTHAL: Um nicht weniger als um seine Auffassung au¬to¬biographischer Bezüge in meinen Werken und vor al¬lem um seine moralische Beurteilung dessen, was er für meine Haltung hält.
BURCKHARDT: Oje!
HOFMANNSTHAL: Ja, richtig! Mehr ist dazu nicht zu sagen – –

Nach einer Pause.

BURCKHARDT: Mein lieber Freund, gerade darüber habe ich mir in den letzten Jahren oft den Kopf zerbrochen. Ob Ihr so bun¬tes vielgestaltiges Werk nicht doch irgendwo einen klein¬sten gemeinsamen Nenner hat. Wo ist Ihr künst¬le¬ri¬sches Ich, wo ist Ihr Zentrum, aus dem heraus das alles sprudelt und immer wieder so auf uns, auf mich einwirkt?
HOFMANNSTHAL: Das alles ist geheim, so viel geheim.
BURCKHARDT: Ist es das? Ich denke, daß Sie tatsächlich alles sa¬gen, fein, versteckt, zwischen den Zeilen. – Ich glaube, daß Sie sehr wohl erkannt werden wol¬len. Allerdings soll man es für sich behalten, vielleicht mit einem kleinen Zwin¬kern zu Ihnen, daß man es wohl ver¬nommen hat, Ihnen aber die Verlegenheit der Offen¬ba¬rung ersparen will.
HOFMANNSTHAL: Ach, Carl! – Und hat Er mich verstanden?
BURCKHARDT: Es ist Ihr Werk wohl kaum anders als Ihre Briefe. Oder?
HOFMANNSTHAL: Sie sind in der Tat nicht gar so viel anders als zum Beispiel die Briefe, die ich Ihnen schreibe. Was ich im Leben erfahren, gesehen, erraten oder geträumt habe, und was mir davon besonders merkwürdig und schön vorgekommen ist: Einsamkeitsgefüh¬le und Lie¬besgefühle, verwebt mit Landschaften, bestimmten Ge¬sich¬tern und an¬deren Äu¬ßerlichkeiten. Das, aneinandergereiht, durch¬einandergeschlungen, sind meine Arbeiten.
BURCKHARDT: Besonders in Ihren Werken, die so ein wenig von der George-Luft gewittert ha¬ben – und dann doch so ganz anders und liebevoller zu uns reden, erkenne ich das wieder.
HOFMANNSTHAL: Wären Dichtungen nicht ein Element des Le¬bens, ein höchst zweideutiges, ge¬fährliches, magi¬sches Ele¬ment des Lebens, so wären sie gar nichts, und es wäre nicht des Atems wert, über sie zu reden. Doch sie sind in der Hand eines jeden etwas an¬deres, und sie leben erst, wenn sie mit einer leben¬digen Seele zusammen¬kom¬men. Sie reden nicht, sondern sie ant¬worten, dies macht Dä¬mo¬nen aus ihnen.
BURCKHARDT: Gefährlich und verführerisch: mein lieber Freund, muß man da nicht Angst um sein Seelenheil haben wie um Dorian Gray, wenn er in sein Porträt schaut wie in einen Seelenspiegel?
HOFMANNSTHAL: Für die, die ein paar hundert Seiten Dosto¬jevski oder ein Gedicht von Stefan George gelebt ha¬ben, für die sage ich nichts Befremd¬liches, wenn ich ihnen von diesem Erlebnis spreche als von dem religiösen Erlebnis.
BURCKHARDT: Dem einzigen religiösen Erlebnis vielleicht, das uns Lesern je be¬wußt geworden ist ...
HOFMANNSTHAL: Wer zu lesen versteht, liest gläubig: denn er ruht mit ganzer Seele in der Vision. Er vergißt sich nicht, er hat sich ganz diesen einzigen Augenblick: er ist sich selber gleich.
BURCKHARDT: Wenn ich nun aber an Ihr Jugendwerk denke, das zu Recht Ihren frühen Ruhm begründet hat, so ist es wohl letztlich mehr bewun¬dert als verstanden worden. Glauben Sie nicht? Ihre Aus¬einandersetzung mit George und der anderen Kunst, Ihre Spaziergänge in die sym¬bolistische Welt – wer hat das wohl in seiner ganzen Trag¬weite gesehen außer viel¬leicht Ihre nächste Umgebung und eine Handvoll Men¬schen auf der Welt, die so emp¬finden wie Sie?
HOFMANNSTHAL: Daß Sie mein Jugendöuvre ein so berühmtes wie unverstandenes nennen: es scheint mir wirklich so. Ich staune nur, wie man es hat ein Zeugnis des l’art pour l’art nen¬nen können – wie man hat den Bekenntnis-Charakter, das furchtbar Autobiographische daran über¬sehen kön¬nen – –
BURCKHARDT: Aber ist das nicht Kern all Ihrer Poesie – das »furchtbar Autobiographische«, der »Bekennt¬nis-Charak¬ter«?
HOFMANNSTHAL: Wer weiß das schon so genau?
BURCKHARDT: Sie haben einmal davon gesprochen, daß Sie, ich denke, es war in Ihrer Studentenzeit, dem Baron von An¬drian gegenüber gesagt hätten, eine gemeinsame »Pha¬se« überwunden zu haben? War das nicht eben gerade zu der Zeit, als der Wilde-Prozeß be¬gann?
HOFMANNSTHAL geheimnisvoll: Sebastian Melmoth!
BURCKHARDT: Wie bitte?
HOFMANNSTHAL: Dieser Name war doch die Maske, mit der Oscar Wilde sein vom Zuchthaus zerstörtes und von den An¬zei¬chen des nahen Todes starrendes Gesicht bedeckte, um noch einige Jahre im Dunkel dahinzuleben. Es war das Schicksal dieses Menschen, drei Namen nacheinander zu führen: Oscar Wilde, C 3 3, Sebastian Melmoth. Drei Masken nacheinander: eine mit wundervoller Stirn, üppi¬gen Lippen, feuchten, herrlichen, frechen Augen: eine Bakchosmaske; die zweite eine Maske von Eisen mit Au¬gen¬löchern, aus denen die Verzweiflung sieht; die dritte ein dürftiger Domino aus der Masken¬leihanstalt, ge¬borgt, um ein langsames Sterben darin vor den Blicken der Men¬schen zu bergen.
BURCKHARDT: Oscar Wildes Wesen und Oscar Wildes Schick¬sal sind wohl nicht ganz und gar dasselbe.
HOFMANNSTHAL: Man muß das Leben nicht banalisieren, indem man das Wesen und das Schicksal auseinanderzerrt und sein Unglück abseits stellt von seinem Glück. Man darf nicht alles sondern. Es ist alles überall. Es ist alles im Menschen drin. – Wilde ging auf seine Kata¬stro¬phe zu mit solchen Schritten wie Ödipus, der Sehend-Blinde. Er reckte die Hände in die Luft, um den Blitz auf sich her¬abzuziehen.
BURCKHARDT: Man sagt: »Er war ein Ästhet, und dann kamen unglückselige Verwicklungen über ihn, ein Netz von un¬glückseligen Verwicklungen«.
HOFMANNSTHAL: Ein Ästhet ist naturgemäß durch und durch voll Zucht. Oscar Wilde aber war voll Unzucht, voll tra¬gischer Unzucht. Sein Ästhetizismus war etwas wie ein Krampf. Die Edelsteine, in denen er vorgab, mit Lust zu wühlen, waren wie gebrochene Augen, die erstarrt waren, weil sie den Anblick des Lebens nicht ertragen hatten.
BURCKHARDT: Ja, ja ...

Pause.

HOFMANNSTHAL: Was aber nun einmal unabdingbar ist im Leben: Der Weg zum Sozialen als Weg zum hö¬he¬ren Selbst.
BURCKHARDT: Meinen Sie damit einen ganz konkreten Lebens¬plan?
HOFMANNSTHAL: Die Einbettung des Ichs in die Welt. – Der Weg – zum Sozialen – geht jedenfalls durch das Werk – – und das Kind, das man in die Welt setzt. Das Erreichte, das erreichte Soziale: das sind letztlich die Ko¬mö¬dien.

Kurze Pause.

BURCKHARDT: Sie haben erst viel ge¬spro¬chen über Wilde – und dann jahrelang über ihn geschwie¬gen, nicht wahr?
HOFMANNSTHAL: Mein lieber Carl, wenn Sie erlebt hätten, wie ich aus nächster Nähe mit Edgar Karg oder Poldy An¬drian sehen mußte, wie deren Neigung immer mehr zur Be¬sessenheit, ja letztlich zu einer wirklichen Krankheit wur¬de, dann wüßten Sie, warum ich – –
BURCKHARDT: Ja – ?
HOFMANNSTHAL: Poldy war in den ersten Jahren immer gefähr¬det – und als er endlich sein Leben lebte, ist er als Dichter verstummt …
BURCKHARDT: Und Edgar Karg?
HOFMANNSTHAL: Der starb jung, ich war schon ein paar Jahre verheiratet. Erloschen wie eine Kerze mit zu kur¬zem Docht: aus zu großer Lust zu brennen ertrunken – er¬trun¬ken. – Diese Wilde-Geschich¬te war entsetzlich! Sie hat mei¬ner Jugend ein frühzei¬tiges Ende beschert. – Ich hatte von da an immer Angst um Poldy, um Edgar, um …
BURCKHARDT: Um sich selbst?

Betretenes Schweigen.

BURCKHARDT: Sie fürchteten für sich selbst das Schicksal des Ästhe¬ten …
HOFMANNSTHAL: Solche unendliche Demütigung …
BURCKHARDT: Sie be¬gannen ein neues Le¬ben gleich nach Wildes Tod, das neue Jahrhundert mit Ihrer Eheschließung und hier im Fuchs¬schlößl.

Nach einer weiteren betretenen Pause.

HOFMANNSTHAL: Für dieses Leben gab es nur die Mög¬lichkeit, einen Schritt in sich selbst zurückzugehen.
BURCKHARDT: Alles sagen, aber so, daß es nur die Richtigen ver¬stehen …
Nach einer Pause.

HOFMANNSTHAL: Die Tiefe muß man verstecken.
BURCKHARDT: Wo?
HOFMANNSTHAL bedeutungsschwer, ihn tief anblickend: An der Ober¬fläche.

Längere Pause, während der BURCKHARDT ein Glas nimmt, sich aus einer Karaffe einschenkt und es dann trinkt, um seine Bewegtheit zu kaschieren.

HOFMANNSTHAL: Jetzt aber genug analysiert, mein lieber Carl! Mir wird ja noch ganz schwindlig von all Ihren Ge¬danken und Vermutungen. Was bleibt da am Ende von ei¬nem Dichter übrig? Und weiß Er deshalb etwas von der Weh¬mut eines alternden Mannes, wo Er doch noch gar so jung ist? – Neulich im Bett unter anderen schweifenden und nicht sehr soliden Gedanken kam mir eine Art Spe¬kulation: ich dachte über unser gegenseitiges Verhältnis nach. Der Altersunterschied von achtzehn Jahren bleibt immer der gleiche, aber ganz verschieden ist die Bedeu¬tung eines solchen Intervalls je nach den Altersstufen, zwi¬schen denen man es einschiebt.
BURCKHARDT: Ja, die Zeit! – Nur eines dürfen Sie nicht ver¬gessen: Ich sprach mit Ihnen, vertraute mich an, hörte zu und empfing Geschenk auf Geschenk, aber halb immer wie in einem ahnungsvollen Traum dahinlebend. Ich mu߬te aus diesem Leben hinaustreten, wenn ich das Le¬ben bestehn will. – – Was sehen Sie mich so an?

ANDRIAN tritt, von beiden unbemerkt, im Hintergrund auf die Bühne.

HOFMANNSTHAL: Es ist ein großes Glück für mich, daß Sie mir begegnet sind – – Führt mich ein glück¬licher Augen¬blick des Ge¬sprächs in Ihr In¬neres, so ist es, als beträte ich ei¬nen wohlgebauten Pa¬last, eine schöne Treppe führt nach oben, schöne Zim¬mer öff¬nen sich nach links und rechts zu schönen Alta¬nen, und ich bin ohne Ungeduld, denn wo ich mich ver¬weile, bin ich wohlgeborgen. – Als Sie einst, im Herbst 1920, bei uns in Rodaun waren, weh¬te mir noch nach Ih¬rem Scheiden die Erinnerung fast kör¬per¬lich entgegen. Denn Freundschaft ist mir etwas ganz ge¬heimnisvoll sich Ein¬stellendes, beinahe Physisches.
BURCKHARDT unruhig: Mein lieber Freund, Ihren Weg kann ich nicht ge¬hen: Keiner kann in einem anderen Wesen auf¬gehn. Ich weiß, Sie verstehn mich, Sie haben mir so viel und so viel Treffendes über mein eigenes Wesen gesagt. – Es sei ein¬mal ausgesprochen, aber wir wissen beide, auch die leich¬testen Worte machen alles so erdenschwer, es sei einmal ausgesprochen, daß die Freundschaft, die mich mit Ihnen verbindet, immer tiefer wurde und daß meine Treue und Liebe zu Ihnen, zu Ihrer Welt, mich durchs Le¬ben be¬glei¬ten wird. – Aber ich bin ein gesondertes Wesen, das nach seinem Gesetze leben muß.
HOFMANNSTHAL: Lassen Sie nicht den Herbst hingehen, ohne daß wir miteinander auf einer Bank gesessen sind, zu¬sam¬men die Sterne über uns gesehen haben! Freilich, verlieren können wir einander nicht, auch wenn wir uns jahrelang nicht sähen – aber es geschieht so selten, daß wir ein We¬sen ganz in unser Leben hinnehmen können, mit allem, was zu ihm gehört, so ist’s mir mit Ihnen widerfahren. – – Marschallin und Quin-quin! – Der ist doppelt be¬glückt, der beides zugleich oder nacheinander ist, aber dann dop¬pelt schwermütig, wenn er nicht nur kei¬nen Bu¬ben mehr hat, sondern auch keiner mehr ist …

Nach einer kleinen Pause.

BURCKHARDT plötzlich: Nun muß ich mich aber fertig machen, um nicht zu spät in Ihre ›Elektra‹ zu kommen. Er umarmt HOFMANNSTHAL.
HOFMANNSTHAL: Mein lieber Carl, umarm’ Er nicht zu viel: Wer allzu viel umarmt, der hält nichts fest.
BURCKHARDT: Auf bald, mein lieber Freund!
HOFMANNSTHAL: A bientôt!

HOFMANNSTHAL blickt BURCKHARDT wehmütig nach.
ANDRIAN geht zur Kredenz, nimmt dort einen Handspiegel auf und reicht ihn HOFMANNSTHAL, der ihn entgegennimmt, als hätte er ihn sich selbst genommen.
HOFMANNSTHAL betrachtet sich in dem Handspiegel, bis er ihn mit einem schweren Seufzer wieder sinken läßt.